Juri, der Ninja-Igel, und der verschwundene Schlafduft

8 Minuten Vorlesezeit

In einem stillen Bambushain am Fuss eines grünen Berges lebte vor langer Zeit ein kleiner Igel namens Juri. Er trug ein dunkelblaues Tuch um den Kopf, denn Juri war ein Ninja, und zwar der leiseste im ganzen Dorf. Seine Stacheln konnte er flach anlegen, sodass sie nicht einmal ein Blatt zum Rascheln brachten. Am liebsten mochte er den Duft von Lavendel. In einem kleinen Beutel an seinem Gürtel trug er immer ein paar getrocknete Blüten mit sich.

Jeden Abend, wenn die Sonne hinter dem Berg verschwand, legte sich ein weicher Lavendelduft über das Tierdorf. Er kam aus einem grossen Tontopf in der Dorfmitte, den die Tiere den Schlaftopf nannten. Wer den Duft einatmete, wurde müde und schlief friedlich ein.

An diesem Abend aber roch es nach nichts. Juri schnupperte und runzelte die Stirn. Kein Lavendel, nur kühle Nachtluft. Er schlich zum Schlaftopf und sah hinein. Der Topf war leer, und rundherum lagen nur ein paar einzelne Blütenblätter.

„Das darf nicht sein“, flüsterte Juri. „Ohne den Duft kann heute niemand schlafen.“

Tatsächlich war das Dorf voller Unruhe. Die Hasenkinder hüpften auf ihren Betten herum, die alte Schildkröte Bärbel zählte laut Schafe, und der Dachs Gundolf schimpfte, weil er sein Kissen dreimal gewendet hatte. Juri straffte sein Tuch.

„Ich finde den Duft“, sagte er. „Das ist ein Auftrag für einen Ninja.“

Er sah am Boden eine zarte Spur aus Blütenblättern, die sich durch das Dorf zog und in Richtung des Bambushains führte. Lautlos folgte er ihr, von Schatten zu Schatten, und hielt die Nase tief am Boden.

Die Spur führte mitten in den dichten Bambus, wo die dünnen Stämme dicht beieinanderstanden und im Wind leise klapperten. Juri musste sich durch eine enge Lücke zwängen, flach wie ein Pfannkuchen. Dann gab der Boden unter seinen Füssen nach, und er stand vor einem kleinen Graben, der mit Wasser gefüllt war. Auf der anderen Seite ging die Spur weiter.

Juri überlegte. Springen konnte er nicht so weit. Er sah sich um und entdeckte einen langen, dünnen Bambusstab am Boden. Den legte er schräg über den Graben, balancierte auf ihm wie auf einem Seil und hielt die Arme ausgestreckt. Der Stab wippte, und Juri hielt die Luft an. Er setzte Pfote vor Pfote, bis er sicher auf der anderen Seite stand. Dort klopfte er sich den Staub von den Stacheln.

„Geschafft“, murmelte er und ging weiter.

Die Spur endete vor einem Wasserfall, der in einem silbernen Vorhang vom Fels herabstürzte. Juri sah sich um, aber es gab keine weiteren Blütenblätter. Er trat dicht an das Wasser heran und lauschte. Hinter dem Rauschen hörte er ein leises, trauriges Schniefen.

Vorsichtig schob er sich zwischen dem Fels und dem Wasserfall hindurch. Dahinter lag ein kleiner, trockener Raum mit moosigen Wänden, und in der Mitte sass eine winzige Maus mit rosafarbenen Ohren. Neben ihr stand ein grosser Sack, aus dem Lavendelblüten quollen. Die Maus hatte Tränen in den Augen und hielt sich die Pfoten vors Gesicht.

„Wer bist du?“, fragte Juri leise.

Die Maus erschrak so sehr, dass sie fast umfiel. „Ich bin Pim“, flüsterte sie. „Bitte sag es niemandem. Ich habe den Lavendel aus dem Schlaftopf genommen.“

Juri setzte sich neben sie. „Warum hast du das getan?“

Pim wischte sich die Nase. „Ich habe jeden Abend so viel Angst vor dem Einschlafen, weil es so still ist. Ich dachte, wenn ich den Lavendel bei mir habe, schlafe ich besser, doch der Sack ist so schwer geworden, und jetzt weiss ich nicht, wie ich ihn zurücktragen soll, und alle sind sicher böse auf mich.“

Juri schwieg einen Moment und sah den Sack an. Er merkte, wie klein die Maus neben ihm wirkte. Er hätte schimpfen können, aber er dachte an die Abende, an denen er selbst wach lag und lauschte.

„Ich bin nicht böse“, sagte er. „Aber das Dorf braucht den Duft. Wollen wir ihn gemeinsam zurückbringen? Zu zweit ist so ein Sack viel leichter.“

Pim nickte schüchtern. Juri nahm eine Seite des Sacks, Pim die andere, und gemeinsam schleppten sie ihn durch den Wasserfall hinaus. Auf dem Rückweg legte Juri den Bambusstab wieder über den Graben, und er hielt Pim an der Pfote, während sie hinüberbalancierte. Wo die Lücke im Bambus zu eng war, schoben sie den Sack zuerst hindurch und krochen hinterher.

Als sie am Schlaftopf ankamen, war es schon sehr spät. Die Tiere standen im Kreis um den leeren Topf und sahen ihnen entgegen. Pim blieb hinter Juri stehen und zitterte.

„Es tut mir leid“, sagte sie mit dünner Stimme. „Ich habe den Lavendel mitgenommen, weil ich nachts Angst habe.“

Bärbel, die alte Schildkröte, bewegte sich langsam nach vorn und sah die kleine Maus lange an. „Wer Angst hat, darf um Hilfe bitten“, sagte sie. „Beim nächsten Mal sagst du es einfach. Dann bekommst du einen eigenen Beutel mit Lavendel, und jemand sitzt eine Weile neben dir.“

Der Dachs Gundolf räusperte sich und brummte etwas, das wie eine Zustimmung klang. Die Hasenkinder rannten herbei und umarmten Pim. Juri öffnete den Sack und streute den Lavendel behutsam zurück in den Schlaftopf. Für Pim legte er einen kleinen Beutel beiseite, den sie fest an sich drückte.

Sofort stieg der vertraute Duft in die Luft, warm und weich. Er zog durch die Gassen, durch die Fenster, in jede Höhle und jedes Nest. Die Hasenkinder gähnten, Bärbel hörte auf, Schafe zu zählen, und Gundolf legte sein Kissen endlich in die richtige Lage.

Pim blieb noch eine Weile bei Juri sitzen. Er erzählte ihr, wie man sich im Dunkeln ganz klein und leise macht, damit es einen nicht mehr stört. Sie probierte es, rollte sich zu einer Kugel zusammen und stellte fest, dass es tatsächlich half. Juri brachte sie bis zu ihrer Haustür und wartete, bis sie hineingeschlüpft war.

Auf dem Heimweg schlich er durch das stille Dorf. Aus jedem Haus drang leises Atmen, tief und gleichmässig. Der Mond stand über dem Bambushain und tauchte alles in ein sanftes Silber. Juri zog das Tuch vom Kopf, legte sich auf sein Moosbett und atmete den Lavendel ein, der durch das Fenster hereinwehte.

Er dachte noch einmal an den Wasserfall, an den Bambusstab und an die kleine Maus mit den rosa Ohren. Seine Stacheln legten sich ganz flach an, die Augen fielen ihm zu, und der leiseste Ninja im ganzen Dorf schlief tief und zufrieden ein.

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