Rentier Pelle und der Schneeflocken-Brief

8 Minuten Vorlesezeit

Tief im Norden, wo im Dezember der Schnee wie Zuckerguss auf den Tannen liegt, lebte ein junges Rentier namens Pelle. Er hatte ein samtweiches Fell, ein Geweih, das gerade erst zu wachsen begann, und eine rote Nase, die immer ein bisschen kalt war. Pelle war schnell begeistert von allem, von Schneeflocken, von Zimtduft, von Glöckchen. Wenn er aufgeregt war, vergass er manchmal, wohin er eigentlich wollte. Doch heute hatte er eine ganz wichtige Aufgabe.

Der Weihnachtsmann hatte ihm einen Brief anvertraut, einen Schneeflocken-Brief. Er war aus einem einzigen, grossen Eiskristall gefaltet und trug einen Wunsch, den ein kleines Mädchen im Tal aufgeschrieben hatte. Der Brief musste bis zum Abend im Weihnachtshaus ankommen, in der kleinen Hütte hinter dem Wald, wo die Wichtel die Wünsche sammelten. Der Brief war allerdings sehr empfindlich, denn wurde ihm zu warm, schmolz er, und wurde es zu kalt, zersprang er in tausend Splitter.

„Trag ihn behutsam“, sagte der Weihnachtsmann und legte ihn in Pelles Satteltasche. „Und denk dran, nicht trödeln.“

„Ich bin der Schnellste im ganzen Wald“, versprach Pelle und scharrte mit den Hufen. Dann sprang er los.

Der Weg führte durch den Schneewald. Pelle trabte, so schnell er konnte, und der Schnee stiebte hinter ihm auf. Doch nach einer Weile färbte sich der Himmel grau, und die ersten dicken Flocken wirbelten herab. Ein Schneesturm zog auf. Der Wind pfiff durch die Tannen, und Pelle sah kaum noch die Hand vor Augen. Er musste ein Stück vom Weg abweichen und einen Umweg durch einen dichten Fichtenwald nehmen.

Dort hörte er ein lautes Streiten. Zwei Füchse standen mitten auf dem Pfad und zankten sich.

„Der Weg geht nach links!“, schrie der eine.

„Nach rechts, du Dickkopf!“, schrie der andere.

Pelle blieb stehen. Er hatte es eilig, aber er konnte nicht einfach an ihnen vorbei, denn der Pfad war schmal. „Entschuldigung“, sagte er freundlich. „Ich muss zum Weihnachtshaus. Wisst ihr, welchen Weg ich nehmen soll?“

Die Füchse sahen sich an. Der eine knurrte, der andere zuckte mit den Ohren. „Wir wollten auch dorthin“, gab der erste zu, „und wir haben uns verlaufen.“

Pelle überlegte. Er erinnerte sich an etwas, das der Weihnachtsmann ihm erzählt hatte: Der Nordstern zeigt immer den Weg. Er sah nach oben, doch der Himmel war von Wolken verhangen. Plötzlich riss die Decke kurz auf, und der Stern blitzte für einen Augenblick auf.

„Dort!“, rief Pelle. „Der Nordstern. Wir gehen nach rechts, den Stern im Rücken.“

Die Füchse nickten, und zu dritt stapften sie los. Der Sturm liess langsam nach, und die Schneeflocken wurden kleiner. Bald erreichten sie den Rand des Waldes, wo ein breiter Bach floss. Er war zugefroren, aber nur an den Rändern. In der Mitte war das Eis dünn und knackte leise. Pelle wollte hinüber, doch seine Hufe rutschten schon beim ersten Schritt.

Der Brief in der Tasche wurde auf einmal warm. Pelle spürte es durch das Leder, und ihm wurde heiss und kalt zugleich. Der Brief schmolz.

„Nein, nein, nein“, flüsterte er. Der Brief durfte nicht schmelzen, aber ihm war so warm geworden, weil er so aufgeregt war. Er atmete tief ein und aus. Sein Atem bildete weisse Wolken in der Luft. Da kam ihm eine Idee. Er hauchte vorsichtig in die Satteltasche, ganz leicht, wie man auf eine Fensterscheibe haucht, und sein kühler Atem umhüllte den Brief wie ein Mantel. Das Warme verschwand, das Kalte aber blieb nicht zu stark. Genau richtig.

„Das ist es“, sagte er leise. „Warm und kalt im Gleichgewicht.“

Die Füchse sahen ihm zu. „Wir helfen dir“, sagte der eine. Sie legten sich nebeneinander auf das Eis und verteilten ihr Gewicht, bis es einen sicheren Pfad ergab. Pelle trat vorsichtig auf ihre Rücken, dann auf das feste Eis, und er kam heil am anderen Ufer an. Die Füchse folgten.

Nach dem Bach lag das Weihnachtshaus nur noch einen Hügel entfernt. Aus dem Schornstein stieg ein dünner Rauchfaden, und im Fenster brannte ein warmes Licht. Pelle trabte die letzten Schritte, ruhig und gleichmässig, denn der Brief durfte nicht wackeln. Die beiden Füchse liefen links und rechts neben ihm her und schirmten ihn vor dem letzten Wind ab, und niemand sprach ein Wort, bis die Tür der Hütte vor ihnen aufging.

Vor der Tür wartete ein kleiner Wichtel mit einer Zipfelmütze. „Du kommst gerade rechtzeitig“, sagte er.

Pelle öffnete die Satteltasche und holte den Brief heraus. Er war noch ganz, ein feiner Kristall, der im Licht der Hütte funkelte. Der Wichtel nahm ihn mit beiden Händen und trug ihn vorsichtig ins Haus.

Drinnen duftete es nach Zimt, Tannennadeln und frisch gebackenen Plätzchen. Der Ofen knisterte, und überall standen Kerzen. Die Wichtel sassen auf kleinen Hockern und lasen Wunschzettel. Pelle trat ein, und sie machten ihm Platz am Feuer. Die beiden Füchse setzten sich dazu und bekamen jeder eine Tasse warmen Kakao.

„Ein Rentier, das einen Schneeflocken-Brief heil durch den Sturm bringt“, sagte der Wichtel stolz. „Das hat es noch nie gegeben.“

Pelle spürte, wie er rot wurde, aber er freute sich. Er trank den Kakao in kleinen Schlucken und merkte, wie die Wärme bis in die Hufe kroch. Der lange Weg hatte ihn müde gemacht, und seine Beine waren schwer.

Die Wichtel lasen den Wunsch des kleinen Mädchens laut vor, ganz leise, damit es niemand ausser ihnen hörte. Dann steckten sie den Kristallbrief in eine Schatulle mit blauem Samt und stellten sie auf das oberste Regal, wo alle besonderen Wünsche lagen. Das Mädchen im Tal würde sich an Weihnachten wundern, wie viel Schnee und Licht in ihrem Wunsch gesteckt hatte.

Pelle legte sich auf ein Kissen neben dem Ofen, rollte sich zusammen und legte den Kopf auf die Vorderhufe. Draussen schneite es wieder sanft, jede Flocke fiel lautlos auf das Dach der Hütte. Die Füchse schnarchten schon, und die Wichtel flüsterten nur noch, während sie die Kerzen eine nach der anderen löschten.

Das Letzte, was Pelle hörte, war das leise Knistern des Feuers und das ferne Läuten eines Glöckchens im Wind. Er dachte an den Nordstern, an die Füchse und an seinen kühlen Atem, der den Brief gerettet hatte. Seine Nase wurde warm, die Augen fielen zu, und das junge Rentier schlief tief und glücklich ein.

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