Vor vielen, vielen Jahren, als die Welt noch grün und feucht war, lebte in einem warmen Tal ein kleiner Triceratops namens Oskar. Er hatte drei Hörner, von denen das mittlere noch ganz kurz war, und einen Schwanz, der beim Gehen hin und her wippte. Oskar war schlau und wissbegierig und stellte den ganzen Tag Fragen. Warum ist der Himmel blau? Warum haben Käfer so viele Beine? Warum regnet es nur manchmal? Seine Mutter lächelte dann und sagte, ein neugieriger Dino werde einmal ein weiser Dino.
Seit ein paar Nächten gab es etwas, das Oskar nicht verstand. Kaum wurde es dunkel, hörte er ein tiefes, langes Brummen, das durch das ganze Tal rollte. Es klang wie ein sehr grosser, sehr müder Bär. Der Boden zitterte ganz leicht, und das Wasser in den Pfützen kräuselte sich.
„Mama, was brummt da?“, fragte Oskar, während er sich an sie kuschelte.
„Das wissen wir nicht, mein Schatz“, sagte sie sanft. „Aber ich glaube nicht, dass uns etwas passiert.“
Oskar konnte trotzdem nicht einschlafen. Er musste es wissen. Am nächsten Abend wartete er, bis seine Familie schnarchte, und schlich dann hinaus. Im Mondlicht hörte er das Brummen noch deutlicher. Es kam von weit her, aus Richtung der Berge.
Neben ihm summte etwas, und eine kleine Libelle mit schimmernden Flügeln landete auf seinem Horn. Es war Sunny, seine beste Freundin.
„Du gehst auf Entdeckungsreise“, stellte sie fest. „Und ich komme mit.“
„Gern“, sagte Oskar erleichtert. „Zu zweit ist es weniger unheimlich.“
Sie machten sich auf den Weg. Das Tal lag still unter dem Mond, nur das Brummen begleitete sie. Der Pfad führte durch hohe Farne, deren Wedel Oskar über die Nase strichen, dann an einem Bach entlang. Am Ende des Bachs ragte eine Felswand auf, in der ein dunkler Spalt klaffte. Das Brummen schien direkt daraus zu kommen.
„Eine Höhle“, flüsterte Sunny.
Oskar schluckte, aber seine Neugier war stärker als seine Angst. Er steckte den Kopf in den Spalt und rief: „Hallo? Ist da jemand?“
Aus der Höhle kam sofort eine Antwort: „Hallo? Ist da jemand? Jemand? Jemand?“ Es klang tief und dumpf, und Oskar sprang erschrocken zurück. Sunny kicherte aber nur.
„Das ist nur dein Echo, Oskar“, sagte sie. „Probier es noch mal.“
Er rief noch einmal, und tatsächlich kam jedes Wort zurück, immer ein Stück leiser. Er lachte, und sein eigenes Lachen hallte aus der Höhle zurück. Das Brummen kam aber nicht von hier, denn es war jetzt wieder weiter oben zu hören.
Oskar setzte sich vor den Spalt und dachte nach. Ein Echo konnte kein Brummen machen, das wusste er jetzt. Er musste weitersuchen, und zwar nach oben, denn dort wurde das Geräusch tiefer und kräftiger. Sunny nickte und summte zustimmend.
Die beiden folgten dem Brummen den Berg hinauf. Der Weg wurde steiler, und Oskar musste sich zwischen die Felsen quetschen. An einer Stelle rollte ein kleiner Stein unter seinem Fuss weg, und Oskar rutschte ein Stück zurück. Sunny flatterte aufgeregt hin und her, doch er fand mit seinen starken Beinen schnell wieder Halt und stemmte sich nach oben.
„Wo ist Sunny?“, fragte er plötzlich, denn er sah die Libelle nicht mehr.
Er drehte sich im Kreis. Sunny war weg. Sein Herz klopfte schneller, und er rief ihren Namen. Das Echo rief ihn zurück, aber Sunny antwortete nicht. Oskar atmete tief durch und lauschte. Dann hörte er ein feines Summen weit oben am Rand des Berges.
„Hier bin ich!“, rief Sunny. „Komm schnell, du musst das sehen!“
Oskar kletterte weiter, bis er den Gipfel erreichte. Dort lag ein grosser, runder Krater, in dem es sanft glühte. Mitten im Krater sass ein Vulkan, aber nicht so einer, wie Oskar ihn sich vorgestellt hatte. Er hatte zwei freundliche Augen aus glänzendem Obsidian und einen breiten Mund und brummte, als er Oskar sah, eine tiefe, ein bisschen verlegene Note.
„Du bist das, der immer brummt?“, fragte Oskar.
„Ja“, sagte der Vulkan und schnaufte warme Luft aus. „Es tut mir leid, wenn ich euch geweckt habe. Ich habe schrecklichen Hunger. Mein Bauch knurrt die ganze Nacht, und ich kann nicht dagegen anbrummen.“
Oskar musste lachen und konnte nicht aufhören. Das Geheimnis war so einfach. Der Vulkan hatte einen knurrenden Bauch.
„Was isst du denn?“, fragte Sunny.
„Früher haben mir die Dinos aus dem Tal Beeren gebracht“, brummte der Vulkan wehmütig. „Aber seit ich so gross bin, trauen sie sich nicht mehr herauf.“
Oskar überlegte kurz. „Ich bringe dir morgen Beeren“, versprach er. „Aber heute Nacht habe ich leider keine dabei.“
Der Vulkan senkte traurig den Kopf, doch Sunny hatte eine Idee. Sie flog zu einem Strauch am Kraterrand, an dem noch ein paar späte Beeren hingen. Oskar pflückte sie mit seinem Maul, eine nach der anderen, und warf sie dem Vulkan zu. Der fing jede Beere mit einem Plopp und schluckte sie genüsslich.
„Ah, das tut gut“, seufzte er. Sein Bauch knurrte einmal laut, dann wurde er ganz still. Aus dem Brummen wurde ein zufriedenes Summen, das den Boden nur noch ein klein wenig zittern liess.
„Ich komme jede Woche und bringe dir Beeren“, sagte Oskar. „Ich nehme noch meine Familie mit.“
Der Vulkan strahlte, und ein warmer Schein zog über den Kraterrand. Oskar spürte, wie müde er plötzlich war. Der lange Weg und die Aufregung hatten ihn erschöpft. Sunny setzte sich auf sein Horn und gähnte.
Gemeinsam machten sie sich auf den Heimweg. Es ging bergab, und der Weg schien kürzer als vorher. Der Mond schien auf die Farne, und im Tal war es nun still, denn der Vulkan hatte sein Brummen in ein leises, gleichmässiges Atmen verwandelt. Es klang wie ein Wiegenlied.
Zu Hause schlüpfte Oskar leise zwischen seine Eltern ins weiche Moos. Seine Mutter öffnete ein Auge und lächelte, als sie den Duft von Beeren an ihm roch, sagte aber nichts. Sunny schlief schon auf einem Farnblatt direkt neben seinem Kopf.
Draussen atmete der Vulkan sanft und tief, und das Tal lag im Mondschein. Oskar kuschelte sich an den warmen Bauch seiner Mutter. Er wollte noch eine Frage stellen, doch die Augen fielen ihm schon zu, und die Frage verschwand irgendwo zwischen Wachsein und Traum. Der kleine Triceratops schlief tief und fest, mit einem Lächeln im Gesicht.

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