Hoch über den Dächern der Stadt, dort wo die Wolken sich wie Schafe auf einer Wiese sammeln, lebte eine kleine Briefträgerin namens Nomi. Sie trug eine Mütze mit einem Regenbogenstempel darauf, eine Ledertasche voller leuchtender Briefe und Stiefel, die auf Wolken keine Spuren hinterliessen. Nomi war pünktlich wie ein Uhrwerk und liebte ihre Arbeit. Nur eines fiel ihr schwer: Warten. Wenn etwas nicht sofort klappte, wurde sie ungeduldig, und dann zupfte sie an ihrer Mütze, bis sie schief sass.
Jede Nacht verteilte Nomi Gute-Nacht-Briefe. Es waren kleine, warme Briefe, in denen Mamas, Papas, Omas und Opas ihren Kindern Träume wünschten. Die Worte flogen als goldene Schnörkel nach oben, Nomi sammelte sie ein, steckte sie in Umschläge und brachte sie auf ihrer rosa Wolke zu den Kinderzimmern.
An diesem Abend hatte sie schon fast alle Briefe verteilt, als ein starker Windstoss um die Ecke einer Gewitterwolke fegte. Er riss ihr die Tasche aus der Hand, und ein einzelner Brief flatterte heraus. Er drehte sich in der Luft wie ein Blatt im Herbst und wurde immer kleiner.
„Halt!“, rief Nomi. „Dieser Brief muss vor dem Morgengrauen ankommen!“
Sie sprang auf ihre Wolke, trat kräftig auf das Wolkenpedal und stürmte hinterher. Der Brief tanzte vor ihr durch die Nacht. Nomi sah, wie er auf eine dichte Wolkenbank zuflog, und sie beschleunigte, so gut sie konnte.
Doch plötzlich geriet sie in einen Wirbel. Der Wind drehte sich im Kreis, und ihre Wolke schaukelte, als wäre sie in einer Waschmaschine. Nomi hielt sich fest und biss die Zähne zusammen. Ihre Mütze rutschte ihr vom Kopf, aber sie fing sie gerade noch auf und stülpte sie wieder über die Haare.
„Ruhig bleiben“, murmelte sie. „Jeder Wind hört einmal auf.“
Sie wartete, auch wenn es ihr schwerfiel, und tatsächlich wurde der Wirbel nach ein paar Atemzügen schwächer. Der Wind ging in ein sanftes Streichen über, und Nomi konnte weiterfahren. Weit vorn sah sie den Brief noch einmal aufblitzen, bevor er in einer silbernen Wolke verschwand.
Die silberne Wolke war voller Sternschnuppen, die gerade von ihrem Nachtdienst zurückkehrten. Sie standen in einer langen Reihe vor einem schmalen Himmelstor, und jede wollte als Erste hindurch. Nomi hielt an und sah die Schlange.
„Entschuldigung, habt ihr einen Brief gesehen?“, fragte sie die vorderste Sternschnuppe.
„Einen Brief? Wir sind selbst im Stau“, brummte die Sternschnuppe. „Wenn du nach vorn willst, musst du dich hinten anstellen.“
Nomi zupfte an ihrer Mütze. Warten war genau das, was sie nicht konnte. Sie sah sich um und entdeckte neben dem Tor einen kleinen Wolkenpfad, der an der Reihe vorbeiführte. Er war schmal und wackelig, aber er schien durchzukommen. Vorsichtig steuerte sie ihre Wolke darauf zu, schob sich Stück für Stück an den Sternschnuppen vorbei und rief immer wieder „Entschuldigung, Briefträgerin, Durchgang bitte!“
Die Sternschnuppen rückten nacheinander zur Seite und liessen sie durch. Die letzte Sternschnuppe, ein ganz kleines Ding mit einem schiefen Schweif, blinzelte ihr zu. „Dein Brief ist durch das Tor geflogen“, flüsterte sie. „Ich habe gesehen, wie er in der Wiese gelandet ist. Dort ist es aber nicht ganz leer.“ Nomi bedankte sich und fuhr zügig weiter.
Hinter dem Tor lag eine weite Wiese aus Wolken, und mitten darauf grasste ein Wolkenschaf. Es hatte flauschige weisse Wolle und kaute zufrieden an etwas, das aussah wie ein Stück Papier.
„Nein!“, rief Nomi. „Das ist mein Brief!“
Das Wolkenschaf sah sie unschuldig an und kaute weiter. Nomi sprang von ihrer Wolke und rannte zu ihm. Nur eine Ecke des Umschlags ragte noch aus dem Maul. Sie griff danach, aber das Schaf drehte den Kopf weg und tänzelte rückwärts.
„Gib ihn mir zurück, bitte“, sagte Nomi und versuchte, ruhig zu klingen.
Das Schaf schüttelte den Kopf. Nomi seufzte und setzte sich ins Wolkengras. Sie wollte schreien oder an ihrer Mütze zerren, aber sie dachte an den Wirbel, der auch von allein aufgehört hatte. Sie sah das Wolkenschaf an und bemerkte, dass es zitterte. Es war kalt, denn die Nacht war frisch, und die Wolle des Schafs war an manchen Stellen dünn.
„Dir ist kalt, nicht wahr?“, fragte sie sanft.
Das Schaf blinzelte und nickte langsam. Es hatte den Brief gefressen, weil er so warm duftete.
Nomi griff in ihre Tasche und zog eine weiche, dicke Wolkendecke hervor, die sie für Notfälle immer dabeihatte. Sie legte sie dem Schaf über den Rücken und strich es glatt. Das Schaf seufzte wohlig und liess den Rest des Umschlags aus dem Maul fallen. Er war ein bisschen zerknittert und feucht, aber der Goldschnörkel auf dem Brief leuchtete immer noch.
„Danke“, flüsterte Nomi und strich dem Schaf über die Stirn. „Wenn du wieder frierst, sag Bescheid.“
Das Schaf legte sich ins Wolkengras und schloss die Augen. Nomi nahm den Brief, glättete ihn mit den Fingern und las den Namen auf dem Umschlag. Er war für ein kleines Mädchen bestimmt, das in einem Haus mit blauer Tür wohnte. Auf der Rückseite stand in schiefer Schrift: Gute Nacht, mein Schatz. Ich habe dich lieb.
Nomi sprang auf ihre Wolke und trat in die Pedale. Diesmal fuhr sie nicht hektisch, sondern gleichmässig und ruhig. Die Nacht war schon weit fortgeschritten, doch die Strassenlaternen der Stadt leuchteten noch, und sie fand das Haus mit der blauen Tür, ohne lange zu suchen.
Am Fenster des Kinderzimmers glitt sie sachte heran. Das Mädchen schlief schon halb, und Nomi schob den Brief durch den Spalt unter das Kissen. Ein goldener Schnörkel stieg auf und löste sich in der Luft auf. Das Mädchen lächelte im Schlaf und kuschelte sich tiefer in die Decke.
Nomi blieb noch einen Moment am Fenster sitzen. In der Stadt wurde es ganz still, nur der Wind summte leise über den Dächern. Sie fuhr zurück in den Himmel, wo ihre rosa Wolke sich mit den anderen vermischte. Ihre Tasche war leer, ihre Mütze sass gerade, und sie spürte eine angenehme Schwere in den Gliedern.
Sie legte sich auf den weichen Rand der Wolke und sah hinauf zu den Sternen. Der Wind trug einen letzten Hauch von Schlaf durch die Nacht, und Nomi dachte daran, dass auch sie manchmal warten durfte. Ihre Augen wurden schwer, ihre Mütze rutschte ein kleines Stück, und die kleine Wolken-Briefträgerin schlief ein, getragen von der sanft schaukelnden Wolke.

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