Pinguin Pelle und die Scholle, die davonschwamm

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Pelle war ein junger Pinguin und hatte einen Lieblingsplatz: eine kleine Eisscholle am Rand der Kolonie, auf der er in der Abendsonne dösen konnte. Seine Familie lag nur ein paar Watschelschritte entfernt, Mama, Papa und seine zwei grossen Schwestern, alle dicht aneinandergekuschelt.

Heute war Pelle besonders müde. Er legte sich auf seine Scholle, rollte sich zusammen und schloss die Augen. Das Eis knirschte leise, die Wellen klatschten sanft, und es dauerte nur ein paar Atemzüge, bis er eingeschlafen war.

Als er aufwachte, war es dunkel. Pelle blinzelte. Die Sterne standen am Himmel, aber etwas stimmte nicht. Es war zu still. Er hörte weder Papas Schnarchen noch das Gackern seiner Schwestern.

Er stand auf und sah sich um. Er stand mitten auf dem Meer. Die Scholle hatte sich in der Nacht vom Ufer gelöst, und die Strömung hatte sie weit hinausgetragen. Von der Kolonie war nichts mehr zu sehen, nur Wasser, Eis und ein silberner Mond.

„Mama?“, rief Pelle. „Papa?“ Niemand antwortete. Sein Schnabel zitterte.

Pelle legte sich auf den Bauch und paddelte mit beiden Flossen, so wie er es im Wasser gelernt hatte. Die Scholle drehte sich einmal im Kreis und trieb dann genau in die andere Richtung weiter. Er paddelte schneller, und sie drehte sich noch einmal. Schliesslich setzte er sich hin und atmete tief durch.

Da tauchte neben der Scholle ein runder, glatter Kopf aus dem Wasser auf, mit grossen schwarzen Augen und langen Schnurrhaaren. Eine Robbe.

„Na, mein Kleiner“, sagte sie freundlich. „Du bist aber weit von zu Hause.“

„Ich weiss nicht, wie ich zurückkomme“, sagte Pelle leise.

„Das ist leicht“, sagte die Robbe. „Ich zeige dir, wo es langgeht. Die Kolonie liegt dort drüben, hinter der grossen Eisbank. Um dorthin zu kommen, musst du an der Walbucht vorbei, und da wohnt jemand, der Hilfe braucht.“

Sie schob die Scholle mit ihrer Nase an. Langsam glitt sie über das dunkle Wasser, an Eisbrocken vorbei, die im Mondlicht wie Zuckerstücke glänzten. Pelle hielt sich an der Kante fest und sah in die Tiefe. Unter ihm zogen Fische wie silberne Pfeile vorbei.

„Ich heisse Floki“, sagte die Robbe unterwegs. „Wie heisst du?“ Pelle nannte seinen Namen.

„Ein schöner Name“, sagte Floki und versprach, ihn nicht aus den Augen zu lassen. „Er klingt wie eine Schneeflocke, die vom Himmel fällt.“ Pelle musste lächeln, obwohl ihm noch immer flau im Bauch war.

Hinter der ersten Eisbank wurde die Luft plötzlich dick und weiss. Der Nebel kroch über das Wasser, bis Pelle seine eigenen Flossen kaum noch sah. Floki schwamm dicht an der Scholle und blinzelte ratlos.

„Ich sehe nichts“, gestand sie. „Ich weiss nur, dass die Kolonie links liegt, aber nicht, wie weit.“

Pelle dachte an Papa. Jeden Abend rief Papa die Familie mit einem besonderen Ruf zusammen: kurz, kurz, lang. Pelle holte Luft und rief ihn, so laut er konnte: „Piep, piep, pruuu!“ Eine Weile geschah nichts. Dann kam von links ein schwaches Echo zurück, von der grossen Eisbank, die den Ruf zurückwarf. Er rief noch einmal und merkte, dass das Echo lauter wurde, wenn er nach links zeigte.

„Dort lang“, sagte Pelle, und Floki schob die Scholle in diese Richtung, bis sich der Nebel lichtete wie ein Vorhang.

Bald erreichten sie die Walbucht. Dort ragte ein riesiger Rücken aus dem Wasser, grau und breit wie ein umgedrehtes Boot, und aus einer Öffnung stieg ein feiner Strahl auf.

Doch dann versperrte ihnen etwas den Weg. Zwischen zwei hohen Eiswänden hatten sich Eisbrocken ineinander verkeilt, wie Bauklötze, die jemand zu eng gestapelt hat. Floki schob und schob, doch die Scholle kam nicht durch.

„Das ist ein Eisstau“, brummte Floki. „Dafür bin ich zu schwer.“

Pelle sprang auf die Brocken, hüpfte von einem zum anderen und sah genau hin. Einer sass ganz unten und hielt alle anderen fest. Er legte sich auf den Bauch, stemmte die Füsse gegen die Wand und schob mit aller Kraft. Es knirschte, dann knackte es, und die Brocken trieben auseinander wie Entenküken, die sich gerade befreit haben. Die Scholle glitt hindurch.

„Gut gemacht“, sagte Floki.

„Entschuldigung“, sagte Pelle und wagte sich zum Rand. „Brauchst du Hilfe?“

Der Wal öffnete ein Auge. Es war so gross wie ein Fenster. „Mein Atemloch ist verstopft“, brummte er. „Ein Stück Seetang hat sich festgesetzt. Ich komme mit meiner Flosse nicht heran, und mit dem Schnabel auch nicht.“

Der erste Versuch ging schief. Pelle reckte sich, griff nach dem Tang und rutschte auf dem nassen Rücken aus, mitten in eine Pfütze. Floki prustete vor Lachen, hielt dann aber ihre Schnauze unter seine Füsse, damit er festen Stand hatte.

Pelle sah den Seetang. Er war nur ein kleiner grüner Fetzen, aber er flatterte bei jedem Atemzug und liess den Wal husten. Beim zweiten Versuch holte Pelle tief Luft, stellte sich auf die Zehenspitzen und zog an dem Seetang, mit beiden Flossen, mit aller Kraft. Es ruckelte, dann machte es Plopp, und der Seetang flog in hohem Bogen davon.

Der Wal atmete tief aus. Eine Fontäne stieg auf, hoch und silbern, und ein feiner Regen fiel über Pelle und die Robbe. Beide mussten lachen.

„Das hat gut getan“, sagte der Wal. „Danke, kleiner Pinguin. Wie kann ich dir helfen?“

„Ich muss nach Hause“, sagte Pelle. „Zur Kolonie.“

„Steig auf“, sagte der Wal.

Pelle kletterte auf den breiten Rücken, der warm und glatt war wie ein Sofa. Der Wal schwamm los, sanft und stetig, und die Robbe glitt nebenher. Über ihnen begann der Himmel zu leuchten. Grüne und violette Bänder zogen sich über die Sterne, bewegten sich langsam wie Vorhänge, und Pelle sah gebannt hinauf.

„Das sind die Nordlichter“, erklärte die Robbe. „Sie zeigen dir immer den Weg nach Hause.“

Der Wal begann zu summen, so tief, dass Pelle es im Bauch spürte. „Das ist mein Ruf“, sagte er. „Wer ihn hört, weiss, dass ein Gast kommt.“ Weit voraus antwortete etwas, ein dünnes Trompeten, das über das Wasser wehte. Pelle kannte diesen Ton. Es war Papa, wenn er abends nach den Schwestern rief.

Unter dem leuchtenden Himmel tauchte am Horizont eine dunkle Linie auf, und darauf viele kleine schwarz-weisse Gestalten, die dicht beieinanderstanden. Am Rand der Eisfläche wartete jemand ganz vorn, die Flossen weit ausgebreitet.

„Pelle!“, rief Mama.

Der Wal schob ihn bis ans Eis. Pelle sprang ab, stolperte, und im nächsten Moment lag er in Mamas Armen, dann in Papas, dann zwischen den Schwestern, die ihn mit ihren Flossen so fest drückten, dass er kaum Luft bekam.

„Wir haben dich überall gesucht“, sagte Papa. „Jetzt bist du da.“

Die Schwestern erzählten, dass sie das ganze Ufer abgesucht hatten, jede mit einer anderen Idee. Die eine hatte unter jedem Stein nachgesehen, die andere in jeder Spalte, und beide hatten dabei nur Mama und Papa gefunden, die sich Sorgen machten.

Ganz zuletzt rief Floki vom Wasser aus, er solle seine Scholle beim nächsten Mal an einem Stein festbinden, und Pelle versprach es mit der Flosse auf dem Herzen. Papa fügte hinzu, dass er die Scholle künftig selbst festbinden würde, wenn es sein müsse.

Pelle winkte dem Wal und der Robbe zu, die noch einen Moment im Wasser blieben und dann langsam zurücktauchten. Er kuschelte sich in die Mitte seiner Familie, spürte die Wärme von allen Seiten und hörte wieder das vertraute Schnarchen. Über ihm tanzten die Nordlichter noch eine Weile, grün und sanft, dann wurden seine Augen schwer.

Diesmal schlief er direkt neben seinen Liebsten ein.

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