Kamel Sahir und die Oase unter den Sternen

9 Minuten Vorlesezeit

Sahir war ein junges Kamel mit langen Wimpern und Füssen, die noch ein bisschen zu gross für seine Beine waren. Seit dem Morgen ging er hinter der Karawane her, und die Sonne hatte den ganzen Tag über auf seinem Rücken gelegen wie eine heisse Hand. Der Sand unter seinen Hufen brannte, und das Licht war so grell, dass er die Augen nur einen Spalt weit öffnen konnte.

„Wie lange noch?“, fragte er die alte Kamelstute, die vor ihm ging. Sie hiess Zahra, und ihre Höcker hingen schon schief, so oft hatte sie diesen Weg zurückgelegt.

„Bis die Sonne weg ist“, sagte Zahra, ohne sich umzudrehen. „Dann wird es leichter.“

„Und wann geht die Sonne weg?“

„Wenn sie müde ist“, antwortete Zahra. „Genau wie du.“

Sahir wollte widersprechen, aber seine Zunge war zu trocken dafür. Er ging weiter, einen Huf vor den anderen, und zählte die Schritte, bis er sich verzählte und von vorne anfing. Die Dünen sahen alle gleich aus, goldgelb und glatt, mit feinen Rillen, die der Wind hineingezeichnet hatte. Manchmal flirrte die Luft über dem Sand, und weit hinten stand ein blasser Fleck, der aussah wie ein See, aber keiner war.

Am späten Nachmittag wurde das Licht weicher. Es färbte den Sand erst orange, dann rosa, und die Schatten der Kamele wurden so lang, dass sie bis zum nächsten Hügel reichten. Der Mann, der die Karawane führte, hielt an und hob die Hand. Alle Tiere blieben stehen. Er trank einen Schluck Wasser aus seinem Schlauch, reichte etwas Gras an die Kamele weiter, und es wurde so still, dass man den Sand rieseln hören konnte.

Dann ging die Sonne unter. Sie sank langsam hinter die Dünen, wie ein grosser, roter Ball, den jemand vorsichtig in einen Sack legt. Für einen Moment glühte der ganze Himmel, und gleich darauf wurde es kühl. Es war eine Kühle, die Sahir noch nie gespürt hatte, ganz weich und trocken, und sie kroch ihm vom Boden her in die Beine und über den Rücken bis in die Nüstern.

„Oh“, sagte er.

„Siehst du“, sagte Zahra. „Jetzt beginnt der gute Teil.“

Sie zogen weiter. Der Sand war nun nicht mehr heiss, sondern fühlte sich an wie Mehl, in dem man mit jedem Schritt ein klein wenig versinkt und wieder auftaucht. Sahir merkte, dass er leichter ging. Seine Beine schwangen von allein, und der Atem kam ruhiger. Er hob den Kopf und schaute nach oben.

Dort standen Sterne. Mehr, als er jemals gesehen hatte. Sie sassen dicht an dicht am Himmel, grosse und kleine, manche weiss, manche ein wenig bläulich, und in der Mitte zog sich ein breites Band aus feinem Licht von einem Ende der Nacht zum anderen, als hätte jemand Milch über den Himmel gegossen.

„Wer hat die alle hingestellt?“, fragte er.

„Niemand weiss das so genau“, sagte Zahra. „Aber wir gehen nach ihnen. Siehst du das helle Dreieck dort drüben? Das ist unser Wegweiser. Wenn du es immer links von deiner Nase hältst, kommst du bei der Oase an.“

Sahir hielt das Dreieck links von seiner Nase. Es wanderte langsam mit, und nach einer Weile hatte er das Gefühl, dass es ihn begleitete wie ein Freund, der nichts sagt, aber immer neben einem hergeht. Unter ihm knirschte der Sand nur noch leise. Die Glocke am Hals des vordersten Kamels klang dünn und hell durch die Nacht: ping, ping, ping, in einem Takt, der sich beinahe wie ein Lied anhörte.

Irgendwann wurde Sahir von einem Geräusch aus seinen Gedanken geholt. Es war ein ganz leises Rascheln, und es kam von links. Er schaute hin und sah eine kleine Maus mit riesigen Ohren, die auf einer Düne sass und ihn neugierig betrachtete. Sie hatte einen Samen in den Pfoten und knabberte daran.

„Guten Abend“, sagte Sahir höflich.

Die Maus nickte nur und rannte davon, eine Spur aus winzigen Pfotenabdrücken hinter sich lassend. Sahir schaute ihr nach, bis sie im Dunkeln verschwunden war. Es tat gut zu wissen, dass es hier draussen noch jemanden gab, der die Nacht ebenso liebte.

Hoch über ihnen huschte ein heller Strich quer über den Himmel, eine Sternschnuppe, die einen langen, silbernen Faden hinter sich herzog. Sahir blieb stehen und schaute ihr nach, bis sie erloschen war und nur noch ein feiner Schimmer zurückblieb.

„Hast du dir etwas gewünscht?“, fragte Zahra.

„Ich habe vergessen, was“, gestand Sahir.

„Dann war es bestimmt ein gutes, kleines Wünschen“, sagte Zahra. „Die grossen vergisst man nicht so leicht.“

Sie gingen sehr lange. Die Sterne wanderten langsam über sie hinweg, und der Mond, der zuerst nur eine schmale Sichel gewesen war, schob sich höher. Sahirs Augenlider wurden schwer. Er blinzelte, schüttelte den Kopf und ging weiter, aber der Schlaf stand ihm jetzt schon dicht hinter den Wimpern.

„Da vorne“, sagte Zahra plötzlich. „Riechst du es?“

Sahir hob die Nase. In der kühlen Luft lag etwas Neues, ein Geruch nach feuchter Erde und frischen Blättern, so fein wie der erste Tropfen nach einem langen Durst. Er schnupperte noch einmal, tief und lange. Dann sah er es: Hinter der nächsten Düne ragten dunkle, schmale Schatten auf, Palmen, die ihre Wedel wie grosse Federn im Nachtwind bewegten.

Die Oase lag in einer Mulde, rund und still wie eine Schale. In der Mitte glänzte ein kleiner Teich, so klar, dass sich die Sterne darin spiegelten, jeder einzelne an seinem Platz. Rundherum wuchs weiches, kurzes Gras, und am Rand standen ein paar Büsche, an denen Tau glitzerte. Die Karawane trat leise heran. Niemand rief oder drängelte, es war, als wüsste jeder, dass man an einem solchen Ort nur ganz sanft ankommt.

Sahir trat ans Wasser und senkte den Kopf. Er trank in langen, bedächtigen Zügen, und das kühle Nass lief ihm die Kehle hinunter, bis in die Beine, bis in die Hufe. Neben ihm trank Zahra, und aus den Palmen hörte man ein leises, gleichmässiges Zirpen, von Grillen, die sich schon vor langer Zeit hier niedergelassen hatten.

Als er fertig war, hob er den Kopf. Im Teich zitterte ein einziger Stern, direkt vor seiner Nase. Er tippte mit dem Maul ganz vorsichtig auf die Oberfläche. Der Stern zersprang in viele kleine Punkte, die über das Wasser wanderten und sich dann ruhig wieder sammelten.

„Er kommt immer zurück“, sagte Zahra, die neben ihm stand.

„Er ist sehr geduldig“, antwortete Sahir.

„Wie du“, sagte Zahra, und er hörte, dass sie lächelte.

Die Karawane richtete sich ein. Der Mann breitete seine Decke unter einer Palme aus und legte den Kopf auf seinen Sack. Die anderen Kamele liessen sich eines nach dem anderen auf das Gras sinken, zuerst die Vorderbeine, dann die Hinterbeine, mit einem leisen Schnaufen, das wie ein Seufzer klang. Sahir suchte sich einen Platz am Rand des Teiches, wo das Gras am weichsten war. Er klappte die Beine unter den Körper und rollte den Hals zusammen.

Über ihm funkelte das helle Dreieck, das ihn den ganzen Weg begleitet hatte. Es stand jetzt direkt über der Oase, als wollte es sicher sein, dass alle angekommen waren. Sahir schaute zu ihm hinauf und sagte in Gedanken ein ruhiges Danke.

Der Wind wehte durch die Palmen. Er trug den Geruch von Wasser und Gras mit sich und raschelte in den Blättern, ein Geräusch, das ein wenig nach einem fernen Meer klang, das Sahir nie gesehen hatte. Sein Atem wurde tiefer, seine Wimpern sanken herab, und im letzten Moment, bevor er einschlief, hörte er, wie weit entfernt die Karawanenglocke noch einmal leise läutete, ping, und dann war es still.

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