Tilda und der Brief für den Dachs

9 Minuten Vorlesezeit

Tilda trug als einzige Igelin im Herbstwald einen kleinen Ledersack, und das hatte einen guten Grund: Sie brachte die Post. An diesem Abend steckte nur ein einziger Brief darin, ein dicker gelber Umschlag mit einem Tannenzapfen als Siegel.

„Der ist für den alten Dachs“, sagte die Eule, die ihn Tilda am Waldrand in den Sack geschoben hatte. „Er legt sich heute Nacht zum Winterschlaf. Kommt der Brief zu spät, liegt er bis zum Frühling ungelesen unter seiner Decke.“

„Dann beeile ich mich“, sagte Tilda und zog den Riemen fest. Der Wald roch nach nassem Laub und nach Pilzen, und irgendwo weit hinten klopfte ein Specht. Der Dachsbau lag auf der anderen Seite des Bachs, hinter der grossen Buche. Das waren zweihundert Igelschritte, vielleicht auch dreihundert.

Sie war erst zehn Schritte weit gekommen, da fuhr ein Windstoss durch die Bäume. Die Blätter hoben sich vom Boden, drehten sich im Kreis und wirbelten so dicht um Tilda herum, dass sie nichts mehr sehen konnte. Sie drückte den Sack an den Bauch und wartete. Als der Wind nachliess, fielen die Blätter wieder herunter, und der Pfad, den sie gekannt hatte, lag unter einem hohen Laubberg.

„Na gut“, murmelte Tilda. „Dann gehe ich eben mitten durch.“ Sie kroch durch das raschelnde Laub, Stacheln voran, und es knisterte bei jedem Schritt wie Papier. Nach einer Weile roch sie Wasser. Der Bach gluckste lauter als sonst, denn der Regen der letzten Tage hatte ihn breit gemacht, und die kleine Brücke, ein einzelner Ast, war weggeschwemmt worden.

Mitten im Laubberg wurde es still. Das Rascheln über ihr dämpfte jedes andere Geräusch, und Tilda merkte, dass sie die Richtung nicht mehr genau kannte. Links roch es nach Pilzen, rechts nach feuchter Erde. Sie blieb stehen, streckte die Nase in die Luft und drehte sich langsam im Kreis.

„Du läufst nach Westen, wenn du so weitermachst“, sagte eine müde Stimme neben ihr. Unter einem Blatt schaute ein Maulwurf hervor, die Brille schief auf der Nase, einen Regenwurm in der Pfote wie ein Butterbrot. „Der Dachsbau liegt im Osten. Folge dem Geruch von Eichenrinde, dann hörst du bald den Bach.“

„Danke“, sagte Tilda. „Ich habe einen Brief dabei, der heute noch ankommen muss.“

„Dann geh schnell“, sagte der Maulwurf und biss in seinen Wurm. „Halte den Brief trocken, der Bach ist heute launisch.“

Tilda schnupperte nach Eichenrinde, fand den Geruch hinter einem umgestürzten Stamm und folgte ihm, bis das Laub dünner wurde und das Plätschern lauter.

Tilda stand am Ufer und überlegte. Schwimmen konnte sie, aber der Brief durfte nicht nass werden. Drüben auf einem Stein sass eine Wasseramsel und putzte ihre Federn.

„Entschuldige“, rief Tilda. „Weisst du einen Weg über den Bach?“

„Ich habe Flügel“, sagte die Wasseramsel, „du hast keine. Versuch es mit den Trittsteinen, sie sind nur ein bisschen untergetaucht.“

Tilda tastete mit der Pfote ins Wasser. Tatsächlich, ein Stein lag knapp unter der Oberfläche, dahinter der nächste. Sie hob den Sack über den Kopf und hüpfte los, von Stein zu Stein, und das Wasser spritzte ihr bis an die Ohren. Der Sprung auf das letzte Stück Ufer geriet zu kurz. Sie rutschte ab, erschrak und rollte sich zu einer Kugel zusammen, und der Sack flog ihr aus den Pfoten.

Der Brief rutschte heraus. Genau in diesem Augenblick kam der Wind zurück, packte den gelben Umschlag und trug ihn über das Ufergras davon, flatternd und flink, den Hang hinunter auf die Buche zu.

„Halt!“, rief Tilda. Laufen konnte sie nicht schnell genug, das wusste sie, doch sie wusste auch etwas anderes: Als Kugel war sie schneller als jeder Hase. Also ballte sie sich zusammen, stiess sich ab und rollte los, den Hang hinab, über Moos und Wurzeln, dass die Blätter um sie herum stoben. Der Brief tanzte vor ihr her, kam ihr entgegen, drehte sich und segelte genau über sie hinweg.

Tilda hörte ein leises Pieks. Dann rollte sie aus, am Fuss der grossen Buche, und blieb schwindlig liegen. Sie wickelte sich vorsichtig auf. Mitten auf ihrem Rücken, fest auf eine Stachelspitze gespiesst, hing der gelbe Umschlag. Er war ein wenig zerknittert, aber heil und trocken.

„Das nenne ich Zustellung“, sagte sie und musste kichern.

Hinter der Buche, unter den Wurzeln, brannte ein kleines Licht. Der alte Dachs sass im Schlafanzug auf seiner Türschwelle und gähnte so weit, dass man seine Zähne zählen konnte.

„Post für dich“, sagte Tilda und zog den Brief von ihren Stacheln. „Mit Tannenzapfen-Siegel.“

Der Dachs blinzelte. Er setzte seine Brille auf und brach das Siegel auf, langsam, mit seinen grossen, weichen Pfoten. Dann las er. Seine Schnurrhaare zitterten, und sein Gesicht wurde Zeile für Zeile freundlicher.

„Von meinem Bruder“, sagte er leise. „Er ist im Sommer weit weggezogen, und ich dachte schon, er hätte mich vergessen. Er schreibt, dass er im Frühling zu Besuch kommt. Ich soll ihm das Gästebett richten.“

Er rieb sich die Schnauze. „Wir haben jeden Herbst zusammen Eicheln gesammelt, er die dicken, ich die kleinen. Im Sommer ist er in den Süden gezogen, wo die Felder breiter sind, und seitdem war es still im Bau.“

„Dann hast du ja etwas, worauf du dich freuen kannst“, sagte Tilda.

„Das habe ich“, sagte der Dachs. Er faltete den Brief zusammen und legte ihn auf das Kissen neben sich, wie einen kleinen Freund. „Weisst du was? Jetzt schlafe ich gleich viel besser. Danke, Tilda.“

„Warte“, sagte der Dachs, als Tilda sich schon umdrehen wollte. „Du hast mir einen weiten Weg gebracht, da will ich dir nicht mit leeren Pfoten nachsehen.“ Er tappte in seinen Bau und kam mit einem kleinen Tontopf zurück. Darin war Honig, goldgelb und so dick, dass der Löffel fast darin stehen blieb. „Der ist von den Waldbienen. Ich habe ihn für den Winter aufgehoben, aber ich schlafe ja ohnehin durch.“

Tilda nahm den Topf und drückte ihn an den Bauch. „Wenn dein Bruder im Frühling kommt“, sagte sie, „soll ich ihm dann etwas ausrichten?“

Der Dachs überlegte. Dann holte er ein Blatt Papier und kritzelte mit einem Bleistiftstummel ein paar Wörter darauf. Er faltete es klein zusammen und gab es ihr. „Willkommen zu Hause, steht darauf. Leg es an die Wurzel der Buche, wenn der erste Krokus blüht.“

„Das mache ich“, versprach Tilda. Sie schob den Zettel ganz nach unten in ihren Sack, damit er nicht verloren ging.

Er winkte ihr noch einmal zu, dann schob er die Tür von innen zu. Tilda hörte ihn drinnen rumoren, die Decke zurechtziehen, einmal tief seufzen. Danach wurde es still, und nur noch ein leises, gleichmässiges Schnarchen drang durch die Wurzeln.

Am Bach wartete die Wasseramsel noch immer auf ihrem Stein. „Angekommen?“, fragte sie.

„Angekommen“, sagte Tilda und hob den Honigtopf. „Der Dachs schläft jetzt, und im Frühling bekommt er Besuch.“ Die Wasseramsel nickte zufrieden. Sie flog voraus und setzte sich nacheinander auf jeden Trittstein, damit Tilda sah, wo er lag, und der Mond spiegelte sich in ihren nassen Federn. Diesmal sprang Tilda ruhig, einen Schritt nach dem anderen, den Topf über dem Kopf, und kam trocken am anderen Ufer an.

„Gute Nacht, Postigel“, rief ihr die Wasseramsel nach.

Tilda hängte sich den Sack um, in dem nur noch der Zettel steckte, klemmte den Honigtopf unter den Arm und ging langsam zurück. Der Mond stand jetzt über den Baumwipfeln und machte das Laub am Boden silbrig. Sie fand ihren Laubberg wieder, den hohen vom Windstoss, und stellte fest, dass er genau die richtige Grösse für ein Igelbett hatte. Sie kroch hinein, drehte sich zweimal um sich selbst, und das Laub raschelte ihr ein letztes leises Lied. Irgendwo oben rief die Eule einmal, ganz sanft, und Tilda war schon eingeschlafen.

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