Kasimir war ein kleiner grüner Drache, der in einer Höhle am Rand des Dorfes wohnte, und er hatte eine wichtige Aufgabe. Heute Abend war Laternenfest, und der Dorfvorsteher hatte ihn gebeten, alle Laternen auf dem Marktplatz anzuzünden. Dreissig Stück, sie hingen in langen Reihen zwischen den Häusern.
Es gab nur ein Problem: Kasimir hatte Schnupfen.
Am Morgen war der Dorfvorsteher mit seiner Mütze in der Hand vor der Höhle gestanden und hatte höflich gefragt, ob Kasimir die Laternen anzünden könne. Kein Streichholz im Dorf schaffte es, dreissig Papierlaternen so gleichmässig zu entflammen wie ein Drache mit einem sanften Hauch. Kasimir hatte sofort Ja gesagt, bevor ihm der Schnupfen eingefallen war, den er seit zwei Tagen mit sich herumtrug. Jetzt gab es kein Zurück mehr, und er wollte auch keines.
„Hatschi!“, machte er, als er am Nachmittag aus der Höhle trat, und ein Funkenregen sprühte aus seiner Nase und liess ein Büschel Gras qualmen. Kasimir trat schnell darauf. „Entschuldigung“, murmelte er. „Das passiert mir sonst nie.“
Die alte Bäckerin, die vor ihrem Laden Brezeln einsortierte, sah ihn mitleidig an. „Trink einen heissen Honigtee und nimm einen Schal, damit du nicht frierst“, sagte sie.
Als Kasimir zögerte, lief sie zurück in den Laden und kam mit einem Päckchen warmer Brezeln wieder. „Für die Nerven“, sagte sie und drückte es ihm in die Pfote. Er roch daran, und für einen kurzen Moment liess das Kitzeln nach.
Kasimir tat beides. Er schlürfte drei Tassen Tee, wickelte sich einen dicken roten Schal um den Hals und marschierte zum Marktplatz. Dort wartete schon der Dorfvorsteher, und die Kinder zeigten auf die Laternen, die noch dunkel an ihren Schnüren hingen.
„Wenn es dämmert, geht’s los“, sagte der Vorsteher. „Ganz vorsichtig, ja? Die Papierlaternen sind empfindlich.“
Die Kinder umringten ihn sofort. „Ist dein Feuer heiss?“, fragte ein Junge. „Kannst du damit auch Kerzen ausmachen?“, wollte ein Mädchen wissen. Kasimir beantwortete jede Frage geduldig, solange er nicht niesen musste, und er hob die Kleinsten hoch, damit sie die Laternen aus der Nähe ansehen konnten. Sie waren aus gelbem, rosa und orangem Papier, und in jeder steckte ein kleiner Docht in einem Schälchen Wachs.
Kasimir nickte. Er atmete tief ein, um ein winziges, zielgenaues Flämmchen zu pusten, und genau da kitzelte es in der Nase. „Hatsch…“ Er hielt sich mit beiden Pfoten die Schnauze zu. Ein Funke zischte zwischen seinen Fingern hindurch und landete auf dem Kuchenstand. Die Bäckerin stürzte mit einem nassen Tuch herbei und erstickte ihn im letzten Moment.
Er versuchte es mit allem, was ihm einfiel. Ein Junge schenkte ihm ein Pfefferminzbonbon, das so scharf war, dass Kasimir die Tränen in die Augen schossen, doch das Kitzeln blieb. Eine Frau holte kaltes Wasser aus dem Brunnen, und er hielt die Nase hinein, bis es blubberte. Der Nieser kam trotzdem, und diesmal flog ein Funke bis zu den Schnüren der Laternen, wo er glimmend hängen blieb. Alle hielten den Atem an. Der Funke zischte, flackerte und erlosch, bevor er Schaden anrichten konnte.
„Das geht so nicht“, sagte Kasimir kläglich. Er setzte sich auf den Brunnenrand, und eine Träne rollte über seine grüne Schnauze. „Ich verbrenne euch noch das ganze Fest.“
Ein kleines Mädchen mit einem gelben Wollhut kam zu ihm. „Du könntest es mit Niesen versuchen“, sagte sie ernst.
„Mit Niesen?“, fragte Kasimir.
Das Mädchen hiess Elin, wohnte gleich neben dem Brunnen und hatte alles beobachtet. „Als mein Opa einmal dreimal hintereinander niesen musste“, erzählte sie, „hat er gesagt, das Beste gegen einen Nieser ist, ihn laufen zu lassen. Wenn du sowieso niesen musst, dann kannst du es doch gleich richtig machen. Du stellst dich in die Mitte, und wir sagen dir, wann.“
Kasimir dachte darüber nach. Es war ein seltsamer Plan, aber er war der Einzige, den er hatte. Er stand auf und ging in die Mitte des Platzes, und der Vorsteher hob die Hand.
Zuerst räumten alle auf. Die Bäckerin trug ihre Kuchen ins Haus, die Händler hängten nasse Tücher über ihre Stände, und die Kinder zogen sich hinter den Brunnenrand zurück, in einer Reihe, die Hände auf den Ohren. Der Vorsteher stellte zwei Eimer Wasser bereit, nur für den Fall. „Wir sind bereit“, sagte er schliesslich. Die Kinder spähten über den Brunnenrand, und die Erwachsenen traten ein paar Schritte zurück.
Es wurde dunkel. Der Himmel über dem Dorf färbte sich blau, und die Papierlaternen hingen im Schatten wie schlafende Vögel. Kasimir schloss die Augen und liess das Kitzeln in seiner Nase grösser werden.
Es war so still, dass man den Brunnen plätschern hörte. Elin hatte die Hand gehoben und zählte leise mit den Fingern: eins, zwei … Kasimir spürte, wie das Kitzeln seine Nase füllte, bis hinauf zu den Augen. Hinter dem Brunnenrand hielten die Kinder die Luft an. Der Vorsteher hatte die Eimer in beiden Händen, fest entschlossen, sie nicht zu brauchen.
„Jetzt!“, rief das Mädchen.
„Hatschiiiii!“
Ein Funkenregen ging in alle Richtungen auseinander, wie ein Feuerwerk. Die Funken flogen von Laterne zu Laterne, an den Schnüren entlang, jeder fand seinen Docht, und eine nach der anderen leuchtete auf, gelb und orange und rosa. Dreissig Laternen, alle auf einmal, und nicht eine ging kaputt.
Auf dem Marktplatz wurde es still. Dann klatschte jemand, und die Kinder jubelten, und die Bäckerin rief „Bravo!“ und schwenkte ihr Tuch.
„Habe ich das gemacht?“, fragte Kasimir verdutzt.
Elin stellte sich auf die Zehenspitzen und flüsterte ihm ins Ohr: „Ich habe es dir ja gesagt.“ Kasimir musste so breit grinsen, dass sein Schal verrutschte. Er schaute noch einmal zu den Laternen hinauf, die sich leise im Wind drehten, jede mit ihrem eigenen warmen Licht, und merkte, dass er seinen Schnupfen für einen Augenblick völlig vergessen hatte.
„Du hast es genau richtig gemacht“, sagte der Vorsteher und strich sich über den Bart.
Der Vorsteher holte einen Zettel aus der Tasche und strich etwas darauf durch. Auf dem Zettel hatte gestanden: Laternen anzünden, Drache fragen, Eimer bereitstellen. Jetzt war alles abgehakt, und er steckte den Zettel mit einem zufriedenen Seufzer wieder weg.
Das Fest ging ruhig weiter. Es gab warmen Apfelpunsch und frische Brezeln, und die Kinder trugen ihre kleinen Laternen in einer Reihe um den Brunnen. Kasimir sass in der Mitte, den Schal um den Hals, und wärmte seine kalten Pfoten an der nächsten Laterne. Die Bäckerin schob ihm noch eine Tasse Honigtee hin.
Die Kinder wollten wissen, ob er die Laternen auch im nächsten Jahr anzünden würde, und Kasimir versprach es, Schnupfen oder nicht. Ein kleiner Junge fragte, ob er sich an seinem Bauch die Hände wärmen dürfe, und bald sassen fünf Kinder um den Drachen herum, die Hände gegen seinen warmen Bauch gedrückt. Der Vorsteher erzählte von einem Drachen, der früher einmal im Berg gewohnt hatte, und alle hörten zu, bis der Mond über dem Kirchturm stand.
Ein Junge war mit der Wange auf dem Brunnenrand eingeschlafen, und sein Vater trug ihn vorsichtig heim, damit er nicht aufwachte. Die letzten Laternen schaukelten ruhig über dem leeren Platz.
Nach und nach gingen die Leute nach Hause. Die Kinder gähnten und wurden von ihren Eltern getragen. Das Mädchen mit dem gelben Hut winkte ihm im Gehen zu.
Auf dem Weg blieb er noch einmal stehen und sah zurück. Die Bäckerin löschte als Letzte das Licht in ihrem Laden und winkte ihm zu, und er winkte mit einem Zipfel seines Schals zurück.
Als der Platz fast leer war, stand Kasimir auf und trottete zu seiner Höhle zurück. Am Himmel standen jetzt die Sterne, und hinter ihm schimmerten die Laternen sanft in der Dunkelheit. Er kroch in sein Moosbett, zog sich den Schal bis zur Nase und spürte, wie sein Schnupfen langsam nachliess. Das Letzte, was er hörte, war das leise Knistern der Laternen im Wind, bevor er einschlief.

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