Eichhörnchen Rufus und der geteilte Wintervorrat

5 Minuten Vorlesezeit

Der Herbstwald war voller Geräusche, wenn Rufus morgens aus seiner Baumhöhle kletterte: raschelndes Laub, knackende Zweige, das ferne Klopfen eines Spechts. Rufus liebte diese Zeit im Jahr mehr als jede andere, denn jetzt begann das grosse Sammeln, und er war, wie er selbst fand, der geschickteste Nusssammler im ganzen Wald. Jeden Tag füllte er seine Backentaschen bis zum Rand und trug Hasel- und Walnüsse in sein Versteck in der alten Eiche, Stück für Stück, bis der Stapel höher wurde als er selbst.

Eines Nachmittags, als er gerade eine besonders dicke Haselnuss zwischen den Wurzeln entdeckt hatte, hörte er ein tiefes, mühsames Schnaufen aus dem Unterholz. Es war der alte Dachs Gustav, der sich langsam, viel zu langsam für die Jahreszeit, durch das raschelnde Laub schob, die Nase dicht am Boden, aber mit fast leeren Pfoten. „Guten Tag, kleiner Rufus,", sagte Gustav und blieb stehen, um Atem zu holen. „Verzeih, wenn ich dir im Weg bin. Meine Beine sind dieses Jahr nicht mehr das, was sie mal waren."

Rufus setzte sich auf die Hinterbeine und betrachtete den alten Dachs, dessen grauer Rücken sich beim Atmen hob und senkte. Er hatte Gustav schon oft im Wald gesehen, aber nie darüber nachgedacht, wie schwer es für ihn sein musste, sich rechtzeitig vor dem Winter genug Vorrat zusammenzusuchen, wenn jeder Schritt so viel Kraft kostete. Ohne lange zu überlegen, öffnete er seine Backentaschen und liess drei dicke Nüsse vor Gustavs Pfoten fallen.

„Die kannst du haben,", sagte Rufus, während Gustav ihn erstaunt ansah. „Ich hab noch mehr im Versteck, und morgen sammle ich einfach weiter." Gustav schien einen Moment nach Worten zu suchen, nickte dann langsam und nahm die Nüsse dankbar an, rollte sie vorsichtig zwischen seinen kräftigen Pfoten. In den nächsten Tagen traf Rufus ihn immer wieder auf seinen Sammeltouren und teilte jedes Mal ein wenig von dem, was er gefunden hatte, ohne dass es ihm irgendwie schwerfiel, denn sein eigener Vorrat wuchs trotzdem stetig weiter.

Als die Abende kühler wurden und der erste Raureif morgens auf den Blättern lag, bat Gustav Rufus eines Tages, ihn zu seinem Bau unter der alten Buche zu begleiten. Dort, tief unter den Wurzeln, zeigte er ihm, wie man ein Nest aus trockenem Moos und weichen Blättern so schichtet, dass kein Wind hindurchkommt, egal wie kalt es draussen wird. „Das hab ich in vielen Wintern gelernt,", erklärte Gustav und drückte mit der Pfote eine Mulde in die weiche Schicht. „Man muss die Blätter erst trocknen lassen, sonst schimmeln sie, und dann das Moos ganz obenauf, wie eine warme Decke."

Rufus half ihm, noch mehr Moos vom Waldboden zu sammeln, und gemeinsam bauten sie in Gustavs Bau eine kleine zusätzliche Mulde, genau in der richtigen Grösse für ein Eichhörnchen, das an diesem Abend zu weit von der eigenen Höhle entfernt war, um noch heimzuklettern. Draussen war es inzwischen fast dunkel geworden, und ein feiner Nebel zog zwischen den Bäumen hindurch, während im Bau unter der Buche eine angenehme, erdige Wärme herrschte.

„Bleib doch heute Nacht hier,", schlug Gustav vor, und Rufus, der die lange Strecke bis zur Eiche plötzlich gar nicht mehr so verlockend fand, nickte dankbar. Er kletterte in die kleine Moosmulde, die noch nach frischem Laub duftete, und spürte, wie sich das weiche Material um seinen Körper legte, viel wärmer, als er es sich vorgestellt hatte. Von draussen drang gedämpft das leise Tropfen des Nebels von den Ästen herein, ein ruhiges, gleichmässiges Geräusch.

Gustav rollte sich in seiner eigenen, grösseren Mulde zusammen und wünschte ihm mit brummiger, aber warmer Stimme eine gute Nacht. Rufus dachte noch kurz an seinen eigenen Nussvorrat in der Eiche, der sicher und trocken auf ihn wartete, und an all die Nüsse, die er mit Gustav geteilt hatte, ohne dass sein eigener Vorrat je kleiner geworden wäre. Das weiche Moos unter ihm, der ruhige Atem des alten Dachses nebenan und die ferne, gedämpfte Stille des nebligen Waldes waren das Letzte, woran er sich erinnerte, bevor er in dieser Nacht so tief und zufrieden schlief wie schon lange nicht mehr.

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