Ole war der kleinste Pirat im ganzen Hafen, und sein Hut war der grösste. Wenn er ihn aufsetzte, sah man von Ole nur noch zwei Stiefel und eine Nase. Heute Abend hielt er etwas in der Hand, das ihn besonders aufgeregt machte: eine Schatzkarte, die er in einer alten Teekiste gefunden hatte.
Sie hatte einen Fehler. Die untere Hälfte war abgerissen, und genau dort musste das Kreuz mit dem Schatz gewesen sein.
„Das darf doch nicht wahr sein“, sagte Ole und drehte die Karte um. Auf der Rückseite stand nur ein Satz in Schnörkelschrift: „Wer die drei Stücke findet, findet auch den Weg.“
Ole hielt die Karte unter die Lampe am Steg und sah genauer hin. In den Ecken, die noch da waren, hatte jemand winzige Zeichnungen gemacht: oben links eine Möwe mit ausgebreiteten Flügeln, oben rechts eine Krabbe mit erhobenen Scheren, unten links einen Seehund, der einen Ball auf der Nase balancierte. Unten rechts fehlte die Ecke.
„Das sind keine Verzierungen“, murmelte Ole. „Das sind Wegweiser.“ Er fuhr mit dem Finger über die kleinen Tiere. Wenn jede Zeichnung für ein Stück stand, musste er nur herausfinden, wo die drei zu finden waren.
Drei Stücke also. Ole schob seinen Hut ein Stück hoch und sah sich im Hafen um. Die Lampen am Steg brannten schon, die Boote schaukelten leise, und auf einem Poller sass eine dicke graue Möwe, die ihn die ganze Zeit beobachtet hatte.
„Entschuldigung“, sagte Ole. „Hast du zufällig ein Stück von einer Schatzkarte gesehen?“
„Ich habe eines“, sagte die Möwe. „Es klemmt in meinem Nest, und ich gebe es nur her, wenn du mir ein Lied vorsingst. Seit Tagen summt mir eine Melodie im Kopf, und ich kenne den Rest nicht.“
Ole kannte nur ein einziges Lied, das Wellenlied, das ihm seine Grossmutter immer vorgesungen hatte. Er räusperte sich, zog den Hut tief ins Gesicht und sang. Die Möwe lauschte mit geschlossenen Augen, wippte im Takt und sang bei der dritten Zeile plötzlich mit. „Genau das war es!“, rief sie, hüpfte zu ihrem Nest und kam mit einem Fetzen Papier im Schnabel zurück. Darauf waren zwei Palmen und ein Stück Strand.
Er hatte noch nie vor jemandem gesungen, ausser vor seiner Grossmutter, und seine Knie wurden weich. Die Möwe wartete geduldig und legte den Kopf schief. „Fang einfach an“, sagte sie. „Beim ersten Ton ist das Schlimmste vorbei.“
Ole legte das Stück an die Karte. Es passte. Am Rand des Papiers stand ein Pfeil, der zum Fischmarkt zeigte.
Dort, zwischen leeren Kisten, hockte eine Krabbe und schob mit ihren Scheren einen Stapel Muschelschalen hin und her.
„Ich ziehe um“, erklärte sie, ohne aufzublicken. „Ins Nachbarbecken. Ich schaffe es aber nicht allein, und das Stück Karte liegt in meiner alten Höhle. Es gehört dem, der mir beim Tragen hilft.“
Ole krempelte die Ärmel hoch. Er trug Muscheln, einen Seestern, einen Kieselstein, der der Krabbe gehörte, und sogar eine winzige Hängelampe. Bei der vierten Fuhre passierte es: Der Stapel Muschelschalen auf seinem Arm kippte, und die Schalen klapperten auf die Planken, eine nach der anderen, wie ein kleiner Regenschauer. Die Krabbe riss die Scheren in die Luft. „Meine Sammlung!“
Ole stellte alles ab und ging auf die Knie. Er suchte jede Schale zusammen, auch die, die zwischen die Kisten gerollt waren, und legte sie der Reihe nach wieder in den Korb, die grossen nach unten, die kleinen obenauf. Die Krabbe sah ihm schweigend zu. „Du hast sie sogar nach Grösse sortiert“, sagte sie schliesslich. „Das hat noch keiner gemacht.“
Bei der letzten Fuhre hob die Krabbe die Schere und sagte: „Hier ist dein Stück.“ Es zeigte einen schmalen Steg, ein Boot und einen Seehund mit einem Ball auf der Nase.
Fehlte noch das dritte Stück. Es war inzwischen fast dunkel. Am Ende des Stegs sass ein Seehund und blickte auf das Wasser hinaus, als würde er auf etwas warten.
„Ich habe das letzte Stück“, sagte er, noch bevor Ole etwas gefragt hatte. „Du bekommst es, wenn du zwei Rätsel löst. Das erste: Was wird nass, wenn es trocknet?“
„Ein Handtuch“, sagte Ole, ohne lange zu überlegen, denn sein eigenes hing noch auf der Leine.
„Schnell“, brummte der Seehund und rollte seinen Ball von einer Flosse zur anderen. „Das zweite: Was hat Zähne und beisst nie?“
Ole dachte nach. Er dachte an den Hafen, an die Netze, an die Zahnräder an der Winde. Dann dachte er an seine Grossmutter, die ihm jeden Abend vor dem Schlafengehen die Haare kämmte, ganz sanft und Zahn für Zahn.
„Ein Kamm!“, rief er.
Der Seehund lachte so laut, dass der Steg wackelte. „Ich hatte gehofft, dass es länger dauert“, sagte er und schob das letzte Stück Papier vor Oles Stiefel.
Jetzt sah Ole die ganze Karte. Das Kreuz lag mitten in einer kleinen Bucht, und rund um das Kreuz hatte jemand einen Wirbel gezeichnet, so wie wenn Wasser in einen Abfluss läuft.
Er legte die drei Stücke am Steg nebeneinander und schob sie mit den Fingern zusammen, bis die Risse genau aufeinanderpassten. Dort, wo sich die Ecken trafen, glänzte eine feine Linie aus Tinte, die vorher nicht zu sehen gewesen war: ein Weg, der vom Steg aus in einem weiten Bogen durch die Bucht führte. Ole prägte sich jede Kurve ein. Dann rollte er die Karte sorgfältig zusammen und stieg ins Beiboot.
Er ruderte mit seinem Beiboot hinaus.
Der Weg war länger, als die Karte vermuten liess. Hinter der Hafenmauer wurde das Wasser unruhig, kleine Wellen schlugen gegen den Bug, und das Boot schaukelte so stark, dass Ole seinen Hut mit beiden Händen festhalten musste. Einmal drehte es sich quer, und der Mond sprang hin und her über dem Wasser. Ole biss die Zähne zusammen, steckte die Ruder tiefer ins Wasser und zählte laut: „Eins, zwei, drei, eins, zwei, drei.“ Der Takt half. Nach und nach beruhigte sich das Boot, und die Wellen wurden zu einem gleichmässigen Wiegen.
Schliesslich fand er die Stelle. Das Wasser drehte sich dort tatsächlich im Kreis, langsam und gluckernd, und in der Mitte glänzte etwas. Ole nahm seinen grossen Hut ab, tauchte ihn ins Wasser und schöpfte. Einmal, zweimal, zehnmal. Der Wirbel wurde flacher, und das Wasser wurde ruhiger, bis der Wirbel nur noch ein kleiner Kreis war und eine Truhe aus dem Wasser auftauchte. Sie war nicht grösser als ein Brotkorb.
Mit zitternden Fingern hob Ole den Deckel. Darin lag keine Münze, keine Perle, kein Ring. Es lag eine zusammengerollte Hängematte darin, aus weichem blauem Stoff, mit einem Zettel in Schnörkelschrift: „Für den, der zuhört, hilft und denkt. Gute Nacht.“
Ole las den Zettel dreimal und lachte so laut, dass in einem der Boote jemand im Schlaf brummte. Er sah die Möwe vor sich, die Krabbe, den Seehund, und merkte, dass er den ganzen Abend nicht ein einziges Mal an Gold gedacht hatte.
Ole musste lächeln. Er ruderte zurück in den Hafen und spannte die Hängematte zwischen zwei Masten auf, direkt unter den Sternen. Die Möwe sass schon auf dem Mast, die Krabbe hatte sich in einer Muschel eingerichtet, und der Seehund legte den Kopf auf den Steg.
„Singst du noch einmal?“, fragte die Möwe verschlafen vom Mast herunter.
Ole summte das Wellenlied, ganz leise. Bei der zweiten Zeile klapperte die Krabbe mit den Scheren im Takt, bei der dritten brummte der Seehund die Melodie mit, und die Möwe sang den Schluss dazu, den sie jetzt endlich kannte.
Ole kletterte in die Hängematte, zog den Hut tief über die Augen und liess sich schaukeln. Das Wasser plätscherte leise gegen die Boote, das Wellenlied summte noch in seinem Kopf, und nach wenigen Atemzügen schliefen alle vier.

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