Bibliotheksmaus Fridolin und das Buch, das gähnte

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In der alten Stadtbibliothek, hinter dem grossen Regal mit den Reisebüchern, hatte Fridolin sein Zuhause. Es war nur eine kleine Nische hinter einer losen Holzleiste, kaum grösser als eine Schuhschachtel, aber sie war mit Papierschnipseln ausgepolstert, die nach altem Leim und Lavendel rochen. Über dem Eingang hatte Fridolin ein winziges Schild angebracht, das er aus einem Stück Buchrücken geschnitten hatte. Darauf stand, in Buchstaben, die er sich selbst beigebracht hatte: Bitte leise.

Jeden Abend, wenn die Bibliothekarin das Licht ausgeschaltet und die schwere Tür abgeschlossen hatte, kam Fridolin hervor. Er streckte sich, schüttelte die Schnurrhaare und huschte los, mit einem Stummelbleistift hinter dem Ohr. Seine Lieblingsstunde war die, in der das Mondlicht durch die hohen Fenster fiel und lange, helle Streifen auf den Boden legte. In einem dieser Streifen suchte er sich jeden Abend ein Buch aus und las, bis ihm die Augen zufielen.

An diesem Abend wollte er etwas Neues versuchen. Er kletterte die Leiter zum obersten Regal hinauf, Sprosse für Sprosse, so leise, dass nicht einmal das Holz knarrte. Ganz oben, in der hintersten Ecke, stand ein Buch, das er noch nie bemerkt hatte. Es war dick und breit und in dunkelgrünes Leder gebunden. Auf dem Rücken stand in verblichenen Goldbuchstaben kein Titel, nur ein kleiner Stern.

Fridolin stemmte sich gegen den Einband. Das Buch war schwerer, als es aussah, doch mit ein bisschen Schieben und Ziehen glitt es endlich aus dem Regal und kippte langsam nach vorne. Fridolin sprang zur Seite. Es landete mit einem dumpfen Plumps auf dem Teppich, und ein feiner Staubschleier stieg auf, der im Mondlicht silbern schimmerte.

Dann geschah etwas, womit Fridolin nicht gerechnet hatte. Das Buch öffnete sich von selbst, nur einen Spalt breit, und aus dem Spalt kam ein langes, tiefes Gähnen.

„Aaaaaah-hooooo-hmmm“, machte das Buch.

Fridolin erstarrte. Sein Schwanz stand wie ein Fragezeichen in der Luft.

„Entschuldigung“, sagte er schliesslich, weil ihm nichts Besseres einfiel. „Habe ich dich geweckt?“

„Ich war gar nicht richtig wach“, antwortete das Buch mit einer Stimme, die klang wie raschelndes Herbstlaub. „Und schlafen kann ich auch nicht. Das geht schon seit sehr, sehr langer Zeit so.“

Fridolin setzte sich vorsichtig auf den Rand des Einbands. Er hatte in all seinen Mäusejahren viele Bücher gelesen, aber noch nie eines gehört, das mit ihm sprach. Aus der Nähe sah er, dass die Seiten an den Rändern etwas vergilbt waren und dass sich der Einband an den Ecken sanft aufwölbte, wie bei einem Menschen, der die Schultern hängen lässt.

„Wie lange?“, fragte er.

„Ach“, sagte das Buch und gähnte erneut, so dass ein paar Seiten flatterten. „Ich glaube, es sind hundert Jahre. Vielleicht mehr. Man verliert das Gefühl dafür, wenn man nur im Regal steht.“

Fridolin kratzte sich mit dem Bleistift am Ohr. „Warum kannst du nicht schlafen?“

„Weil ich nie zu Ende gelesen wurde“, sagte das Buch leise. „Jeder, der mich aufgeschlagen hat, kam bis zur Mitte, dann wurde er müde, oder er hatte keine Zeit, oder jemand rief ihn weg. Die Seiten am Ende kennt niemand. Dabei sind es genau die Seiten, auf die ich mich am meisten freue. Ich bin ein Buch, das noch nicht fertig erzählt wurde. Das lässt einen nicht ruhen.“

Fridolin überlegte. Er fand, dass das ein trauriger, aber zugleich auch ganz einfacher Grund war. Er hatte oft selbst Mühe einzuschlafen, wenn er mitten in einer Geschichte stecken geblieben war, und bei jedem Wort, das er nicht kannte, drehte er sich dreimal im Kreis.

„Darf ich dir vorlesen?“, fragte er. „Vom Ende?“

„Das würdest du tun?“, flüsterte das Buch. Die Seiten richteten sich ein wenig auf.

„Wenn du mir sagst, wo ich anfangen soll.“

Das Buch schlug sich mit einem leisen Rascheln von selbst weit auf, so weit, dass Fridolin die Pfoten ausstrecken musste, um die schwere Seite festzuhalten. Er kletterte hinein, bis er mitten in der Mitte des Buches stand, und blätterte vorsichtig weiter. Die Seiten waren dünn und weich, mit kleinen, dichten Buchstaben, die im Mondlicht fast tanzten. Er kam an eine Stelle, an der ein Lesezeichen aus verblichener Seide lag, schon ganz dünn und fadenscheinig. Dahinter fingen die Seiten an, die nie ein Auge gesehen hatte.

Fridolin holte Luft. Er räusperte sich, so leise wie nur möglich, und begann zu lesen.

Es war eine Geschichte über einen kleinen Leuchtturmwärter, der sein Licht jeden Abend anzündete, damit die Schiffe sicher nach Hause fanden. In dem Kapitel, das Fridolin las, stieg ein dichter Nebel auf, so weiss, dass man nicht einmal die eigenen Füsse sehen konnte. Der Wärter stieg die Wendeltreppe hinauf, Stufe für Stufe, und drehte das grosse Licht ein wenig heller. Dann setzte er sich auf die oberste Stufe und wartete. Unten am Meer klang ein Nebelhorn, tief und weit weg. Kurz darauf antwortete ein zweites, ganz nah, und noch eines, und alle Schiffe, die in dieser Nacht unterwegs waren, fanden langsam ihren Weg in den Hafen.

Fridolin las gleichmässig und ruhig, mit kleinen Pausen an den Stellen, an denen das Buch tief durchatmete. Mit jeder Seite spürte er, wie sich die Blätter unter seinen Pfoten entspannten. Das Papier wurde wärmer, die Ränder legten sich glatter, und das Leder des Einbands schien weicher zu werden.

„Weiter“, murmelte das Buch, als er einmal aufhörte, um zu gähnen, denn auch ihn ergriff jetzt die Müdigkeit.

Fridolin las weiter. Der Wärter in der Geschichte stieg irgendwann wieder die Treppe hinunter, setzte sich in seine kleine Stube und kochte sich einen Tee, dessen Dampf sich in der Luft kringelte wie ein Schneckenhaus. Draussen verzog sich der Nebel, die Sterne kamen heraus, und das Meer lag glatt und schwarz, bis zum Horizont, wo ein schmaler Streifen Mondlicht auf dem Wasser schwamm. Auf der letzten Seite, ganz unten, stand nur ein einziger Satz. Der Wärter legte sich ins Bett, zog die Decke bis zum Kinn und schlief ein, während das Licht über ihm unermüdlich weiterdrehte.

Fridolin las den Satz langsam vor. Dann schloss er das Buch ganz vorsichtig, so wie man eine Decke zurechtzieht, und legte beide Pfoten auf den Einband.

„Das war es“, sagte er leise. „Das ist das Ende.“

Eine Weile kam gar keine Antwort. Dann seufzte das Buch, ein langer, warmer Seufzer, bei dem sich der ganze Rücken ein wenig senkte.

„Danke“, sagte es. „Jetzt weiss ich, wie es ausgeht. Ich glaube, ich kann endlich schlafen.“

„Gute Nacht“, flüsterte Fridolin.

„Gute Nacht, kleiner Leser“, murmelte das Buch, und mit einem kaum hörbaren Rascheln fielen seine Seiten wie von selbst zusammen. Das Gähnen verklang, und dann war nur noch das gleichmässige, tiefe Atmen eines Buches zu hören, das nach hundert Jahren zur Ruhe gekommen war.

Fridolin blieb noch eine Weile sitzen. Er war jetzt selbst so müde, dass seine Augen immer wieder zufielen. Aus der Ferne schlug die Rathausuhr zwölf, tief und gemächlich, und im Mondlicht drehte sich der Staub in kleinen Spiralen. Mit letzter Kraft schob er das Buch zurück an seinen Platz im Regal, einen Zentimeter nach dem anderen, bis der kleine goldene Stern wieder an der gleichen Stelle sass.

Dann kletterte er die Leiter hinunter, ohne ein einziges Mal anzustossen, huschte hinter die lose Holzleiste und rollte sich in seiner Nische zusammen. Das Schild über dem Eingang pendelte noch kurz hin und her, Bitte leise, und stand dann still. Im Regal dahinter schlief das grüne Buch, und Fridolin schlief auch, mit dem Stummelbleistift unter dem Kopf, bis die ersten Vögel vor den Fenstern zu singen begannen.

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