Mika der Mondfuchs und die verlorene Sternenlaterne

8 Minuten Vorlesezeit

Vor nicht allzu langer Zeit lebte am Rand eines grossen Waldes ein junger Mondfuchs namens Mika. Sein Fell war so silbern wie ein Löffel im Mondlicht, und seine Ohren waren ein bisschen zu gross für seinen Kopf. Mika war neugierig und platzte vor Fragen, aber er hatte eine Sache, die ihm Bauchkribbeln machte: das Dunkel. Wenn es richtig finster wurde, drückte er sich gern ganz nah an einen Baumstamm und zählte seine eigenen Pfotenschritte.

Zum Glück hatte Mika eine wichtige Aufgabe. Jeden Abend trug er die kleine Sternenlaterne durch den Wald. Sie leuchtete warm und gelb, und die Waldtiere folgten ihrem Licht nach Hause in ihre Höhlen und Nester. Solange Mika die Laterne trug, fürchtete er sich kein bisschen.

An diesem Abend stellte er die Laterne kurz neben dem Brombeerbusch ab, weil er einen Schmetterling bewundern wollte, der mit seinen Flügeln schimmerte wie ein Stück Himmel. Als Mika sich umdrehte, war die Laterne verschwunden. Nur ein paar winzige Abdrücke führten vom Busch weg, und es dämmerte schon.

„Oh nein“, flüsterte Mika. „Wenn ich sie nicht finde, kommen die Tiere heute nicht nach Hause.“

Er schnupperte am Boden und folgte den Abdrücken. Sie führten tiefer in den Wald, dorthin, wo die Tannen so eng standen, dass kaum noch Licht durchkam. Mika schluckte. Sein Herz klopfte schnell, aber er dachte an die Hasenkinder, die auf das Licht warteten, und lief weiter.

Bald hörte er ein leises Rascheln über sich. Auf einem Ast sass die alte Eule Mathilde und putzte ihr Gefieder.

„Mathilde, hast du meine Laterne gesehen?“, rief Mika.

„Hu-hu, die Laterne? Natürlich habe ich sie gesehen“, sagte die Eule und blinzelte langsam. „Sie ist über den Hügel getragen worden, hinter dem Bach, doch ich verrate dir nur den Weg, wenn du mein Rätsel lösen kannst. Was geht am Abend auf, ohne dass man es sät, und am Morgen weg, ohne dass man es erntet?“

Mika überlegte so fest, dass seine grossen Ohren zuckten. Er blickte nach oben, wo schon die ersten Sterne durch die Äste blinzelten.

„Die Sterne“, sagte er endlich.

„Hu-hu, genau“, sagte die Eule zufrieden. „Geh zum Bach, dann über den Baumstamm, und halte die Augen offen.“

Mika bedankte sich und trabte los. Am Bach lag tatsächlich ein dicker Baumstamm, der als Brücke diente, doch er war nass und glatt vom Tau. Unten gurgelte das Wasser. Mika setzte eine Pfote auf den Stamm, dann die zweite, und der Stamm wackelte. Er klammerte sich mit den Krallen fest und machte einen winzigen Schritt nach dem anderen. In der Mitte rutschte seine Hinterpfote ab, und für einen Augenblick hing er halb über dem Wasser. Er biss die Zähne zusammen, zog sich Stück für Stück zurück auf den Stamm und kroch bis ans andere Ufer. Dort blieb er kurz liegen und atmete tief.

„Geschafft“, murmelte er und merkte, dass er gar nicht mehr so ängstlich war wie vorhin.

Hinter dem Hügel sah er plötzlich ein Leuchten zwischen den Bäumen, und es war nicht das Licht seiner Laterne, sondern ein Schwarm von hunderten Glühwürmchen. Sie tanzten über dem stillen Waldsee im Kreis und summten leise. In ihrer Mitte schwebte etwas Warmes, Gelbes: die Sternenlaterne. Zwei Glühwürmchen hielten sie an einem Henkel fest und trugen sie wie einen kostbaren Schatz.

„Das ist meine Laterne!“, rief Mika.

Die Glühwürmchen erschraken und verteilten sich in alle Richtungen, aber die Laterne hielten sie fest. Das grösste von ihnen, ein Glühwürmchen mit besonders hellem Hinterleib, kam näher.

„Deine?“, fragte es mit dünnem Stimmchen. „Wir haben sie am Brombeerbusch gefunden. Sie sah aus wie der Mond, den wir so gern berühren wollten. Heute Nacht ist er hinter den Wolken, und wir dachten, wir halten ihn fest, damit er nicht davonläuft.“

Mika blieb stehen und überlegte. Er hätte jetzt laut werden und schimpfen können, aber er sah, wie viel Hoffnung in den kleinen Augen lag. Er setzte sich ins Gras.

„Das ist keine Mondlaterne“, sagte er freundlich. „Es ist eine Laterne, die den Tieren hilft, den Heimweg zu finden, doch ich glaube, ich habe eine Idee. Der echte Mond kommt gleich hinter den Wolken hervor, und dann könnt ihr ihn viel besser ansehen als diese Laterne. Wenn ihr mir die Laterne zurückgebt, zeige ich euch die beste Stelle am See.“

Die Glühwürmchen tuschelten aufgeregt. Dann kam das grösste näher und liess den Henkel los. Mika nahm die Laterne und spürte ihre vertraute Wärme in der Pfote. Er führte den Schwarm ans Seeufer, wo das Wasser glatt wie ein Spiegel lag. Genau in diesem Moment schob der Wind die Wolken beiseite, und der Mond erschien, gross und rund. Sein Bild lag auf dem Wasser, und die Glühwürmchen seufzten vor Staunen.

„Er ist ja viel schöner als eine Laterne“, flüsterte das grösste Glühwürmchen.

„Er gehört allen“, sagte Mika und lächelte. „Genau wie das Licht der Laterne.“

Dann machte er sich auf den Heimweg. Die Glühwürmchen begleiteten ihn ein Stück und leuchteten ihm zusätzlich den Pfad aus, sodass es in der Mitte des Waldes beinahe taghell war. Über den Baumstamm kam Mika diesmal viel leichter, denn ein paar Glühwürmchen schwebten direkt über den Stellen, an denen er die Pfoten aufsetzen musste.

Unterwegs sammelte er die Tiere ein. Die Hasenkinder hüpften hinter ihm her, das Eichhörnchen kletterte noch schnell von seinem Ast, und der Igel Brummel gähnte schon im Gehen. Mathilde, die Eule, schaute von oben zu und nickte, als wollte sie sagen, dass sie von Anfang an gewusst hatte, wie es ausgehen würde.

Nach und nach erreichten alle ihre Höhlen und Nester. Die Hasenkinder kuschelten sich ins weiche Moos, das Eichhörnchen rollte sich in seinen buschigen Schwanz, und der Igel Brummel schnarchte, noch bevor Mika die Laterne an den Haken gehängt hatte. Im Wald wurde es still, nur das Wasser des Baches plätscherte leise im Hintergrund.

Zuletzt kehrte Mika zu seinem eigenen Bau zurück, der unter einer alten Wurzel lag. Er stellte die Laterne neben sein Bett und liess sie leise brennen. Das warme Licht tanzte über die Wände, und Mika dachte daran, dass er den Weg durch die dunkle Tannenschonung ganz allein gefunden hatte. Das Dunkel war gar nicht mehr so gross wie vorher. Es war eher wie eine weiche Decke, unter der sich der Wald ausruhte.

Draussen summten ein paar Glühwürmchen noch ein letztes Lied, ganz leise, wie ein Gruss an den Mond. Mika gähnte so lange und so tief, dass ihm die Augen zufielen. Er rollte sich zusammen, legte die Schnauze auf die Pfoten und spürte, wie die Laterne ihn wärmte. Der Mond schaute durch das Wurzelfenster herein, silbern und freundlich, und der kleine Mondfuchs schlief ein.

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