Hinter den sieben Hügeln, in einem Dorf, das nach Zimt und Tannenholz roch, lebte ein kleiner Drache namens Funkel. Er war erst so gross wie ein Hund, hatte rundliche Flügel und Schuppen in der Farbe von Pfirsichen. Funkel liebte Kuchenkrümel, Pfützen zum Hineinspringen und seine Freunde im Dorf. Nur eine Sache machte ihn manchmal traurig: Wenn andere Drachen Flammen spuckten, kamen aus seinem Maul nur ein paar winzige Funken, die wie Glitzerstaub in der Luft tanzten.
Am Abend vor dem Laternenfest herrschte im Dorf grosse Aufregung. Jedes Jahr hängten die Dorfbewohner hunderte Papierlaternen in die Bäume und entzündeten sie, sobald die Sonne unterging. Der grosse Drache Brontulf, Funkels Onkel, übernahm das Anzünden mit seinem warmen Feuer. Doch dieses Jahr hatte er sich erkältet. Er sass in seiner Höhle, hustete, und aus seinem Maul kam nur ein kleines Hüsteln mit etwas Rauch.
„Ich kann heute keine Flamme machen“, krächzte Brontulf. „Das Fest muss ausfallen.“
Funkel stand am Höhleneingang und spürte, wie sein Herz klopfte. Er sah die Kinder mit ihren leeren Laternen und die Tannen, an denen noch kein Licht hing.
„Ich mache das“, sagte er. „Ich zünde die Laternen an.“
Sein Onkel schaute ihn lange an, dann lächelte er müde. „Versuch es, Kleiner.“
Funkel hüpfte zur ersten Laterne und holte tief Luft. Er pustete, und es sprühten Funken, die aufstiegen und sofort wieder erloschen. Er versuchte es noch einmal und noch einmal. Die Funken tanzten ein bisschen, dann waren sie weg. Die Laterne blieb dunkel.
„Es klappt nicht“, murmelte Funkel und liess den Kopf hängen.
Neben ihm tauchte ein Eichhörnchen auf, das Nuss hiess, weil es immer eine bei sich trug. „Versuch es näher am Docht“, sagte es. Funkel legte die Schnauze fast an die Laterne und pustete behutsam. Die Funken sprühten hinein, doch dann kam ein Windstoss, der den ganzen Funkenregen nach draussen blies. Wieder nichts.
Die Sonne sank tiefer, und die Dorfbewohner fingen an zu tuscheln. Ein Mädchen mit roten Zöpfen sah mit grossen Augen zu Funkel hinüber. Er hätte sich am liebsten in der Höhle versteckt.
Da hörte er ein leises Summen. Aus dem Wald kam ein Schwarm Glühwürmchen, die ihr Licht wie kleine Lampen trugen. Eine von ihnen, die Glühwürmchen-Dame Lumi, setzte sich auf Funkels Nase.
„Dein Feuer ist nicht zu klein“, sagte sie. „Es ist nur zu flüchtig. Wir brauchen etwas, das die Funken festhält.“
Funkel blinzelte. „Und was hält Funken fest?“
„Gläser“, antwortete Lumi. „Glas hält Licht fest, und nichts bläst es weg.“
Funkel hüpfte los und suchte im Dorf nach Marmeladengläsern. Das Mädchen mit den roten Zöpfen half ihm und rannte mit einem Korb voller leerer Gläser zurück. Gemeinsam stellten sie die Gläser in eine Reihe. Funkel pustete in das erste hinein, und die Funken tanzten im Glas, ohne zu verschwinden. Sie flackerten und leuchteten, wie ein kleines Stück Sternenhimmel. Funkel strahlte.
Aber es gab ein Problem: Die Laternen hingen hoch in den Bäumen, und die Gläser mit den Funken konnte er nicht allein hinauftragen. Schnell überlegte er. Nuss kletterte flink in den Ästen herum, und die Glühwürmchen trugen die Gläser zu zweit durch die Luft. So bekamen die Laternen eine nach der anderen ihre Funken. Ein Funke wurde aus dem Glas in die Laterne gegeben, und dort fing er den Docht und wurde zu einer ruhigen, hellen Flamme.
Zwischendurch rutschte Nuss auf einem glatten Ast aus und schaukelte kopfüber an seinem Schwanz, ein Glas fest im Arm. Funkel rannte unter den Baum und fing das Glas mit seinen Flügeln auf, bevor es fallen konnte, und Nuss lachte so laut, dass der ganze Ast wackelte. Danach waren alle ein bisschen mutiger und noch ein bisschen schneller.
Die Arbeit ging schneller voran, als alle gedacht hatten. Am Dorfplatz leuchteten bereits dutzende Laternen, und das Fest nahm Gestalt an. Doch kurz vor der letzten Reihe ging ein Windstoss durch die Bäume. Er löschte mit einem Mal drei Laternen aus und blies sogar ein paar Gläser um. Die Funken stoben davon wie Glitzerstaub.
„Nein!“, rief das Mädchen mit den Zöpfen.
Funkel spürte, wie ihm etwas in der Brust brannte, aber diesmal war es kein Kummer. Er stellte sich zwischen die Laternen und den Wind, breitete die Flügel aus und bildete eine kleine Mauer. Dahinter stellten die Kinder neue Gläser auf. Funkel pustete Funken hinein, einmal, zweimal, bis alle drei Laternen wieder brannten. Die Funken liessen sich diesmal nicht mehr verwehen, denn Funkels Flügel hielten den Wind ab.
Als der letzte Docht hell leuchtete, war der Dorfplatz ein Meer aus Lichtern. Die Laternen schaukelten sanft in den Bäumen, und ihr Schein malte goldene Flecken auf die Gesichter der Dorfbewohner. Aus allen Häusern kamen Menschen mit Bechern voll heissem Apfelpunsch, und die Kinder zogen mit ihren eigenen kleinen Laternen durch die Strassen.
Brontulf trat aus seiner Höhle, eine Decke um die Schultern, und blickte auf das Lichtermeer. Er sagte nichts, aber seine Augen glänzten, und er legte seinen grossen Flügel einen Moment lang um Funkel.
„Dein Feuer ist besser als meines“, sagte er heiser. „Meines verbrennt alles, deines gibt Wärme.“
Funkel wusste nicht, was er antworten sollte, und so leckte er sich verlegen die Schnauze. Das Mädchen mit den roten Zöpfen reichte ihm ein Stück warmen Zimtkuchen. Er schnupperte daran, biss hinein und spürte, wie der Zimt in der Nase kitzelte.
Das Fest dauerte nicht mehr lange, denn die Kinder wurden müde. Eine nach der anderen setzten sie sich auf Decken unter die Bäume, und die Erwachsenen sangen leise ein Lied. Die Glühwürmchen flogen langsame Kreise über den Köpfen, und Nuss, das Eichhörnchen, schlief in einem Ast direkt neben einer Laterne.
Funkel legte sich auf eine weiche Decke am Rand des Platzes. Seine Flügel waren schwer, und sein Maul schmeckte noch nach Zimt. Hin und wieder entwich ihm ein einzelner Funke, der kurz über seiner Nase tanzte und dann verlosch. Er sah ihm nach und lächelte, denn er fand, dass dieser Funke genau die richtige Grösse hatte.
Das Lied wurde leiser, der Wind legte sich, und die Laternen glommen ruhig weiter in die Nacht. Funkel kuschelte sich in die Decke, rollte den Schwanz um die Füsse und schloss die Augen. In seinem Traum flogen Funken wie Sterne um ihn herum, und er schlief tief und zufrieden ein.

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