In der Höhle am Fuss des Rauchbergs war es Fennas erste Nacht in ihrem eigenen kleinen Nest. Bisher hatte sie immer eingerollt neben ihrer Mutter geschlafen, so nah, dass sie deren Herzschlag durch die Schuppen spüren konnte, aber seit ein paar Tagen war sie, wie Mama Glut sagte, gross genug für die kleine Nebenhöhle gleich um die Ecke. Fenna fand das Nest wunderschön, mit weichem Moos ausgelegt und einem runden Loch in der Decke, durch das man ein Stückchen Himmel sehen konnte. Trotzdem stand sie jetzt davor und wagte nicht, sich hineinzulegen.
„Ist alles in Ordnung, kleine Glut?", fragte ihre Mutter, die im Halbdunkel der Verbindungshöhle stand und Fennas Zögern bemerkt hatte. Fenna nickte, obwohl es nicht ganz stimmte, und erklärte mit leiser Stimme, dass die Nebenhöhle so weit weg wirkte, obwohl es doch nur ein paar Flügelschläge waren. Mama Glut setzte sich neben sie, ihre grossen goldenen Augen ruhig und geduldig, und dachte einen Moment nach, bevor sie antwortete.
Dann stand sie auf, ging zu der Feuerstelle, die tief in ihrer Brust glühte, seit sie einmal als junger Drache selbst Angst vor der Dunkelheit gehabt hatte, und nahm einen kleinen runden Stein aus einer Nische in der Wand. Sie hielt ihn eine Weile nah an ihren Atem, ganz vorsichtig, bis er warm wurde, so warm, dass er in Fennas kleinen Klauen fast wie ein zweites Herz pochte. „Diesen Stein wärme ich jeden Abend für dich, bevor du schlafen gehst. Solange er warm bleibt, bin ich ganz nah, auch wenn eine Wand zwischen uns liegt."
Fenna nahm den Stein vorsichtig entgegen und trug ihn hinüber in ihr Nest, legte sich ins weiche Moos und drückte ihn an ihre Brust. Er fühlte sich an wie ein kleines Stück ihrer Mutter, das mitgekommen war, und tatsächlich schien die Angst vor der leeren Nebenhöhle ein bisschen leiser zu werden, sobald sie ihn hielt. Durch das runde Loch in der Decke sah sie einen einzelnen Stern flackern, weit oben über dem Rauchberg, und durch die Felswand, ganz gedämpft, hörte sie das ruhige, tiefe Atmen ihrer Mutter nebenan.
„Kannst du mich hören, Mama?", rief sie leise durch die Wand, und ihre Mutter antwortete sofort, ihre Stimme dumpf, aber warm durch den Fels: „Jedes Wort, kleine Glut. Der Stein glüht, weil ich glühe. Solange du ihn spürst, bin ich da." Fenna lächelte im Dunkeln und drückte den Stein noch etwas fester an sich, spürte, wie die Wärme durch ihre Schuppen bis in den Bauch zog.
Draussen zog ein leichter Wind über die Felsen des Rauchbergs, und irgendwo tief unten im Tal begann eine Eule zu rufen, kein erschreckender Laut, sondern einer, den Fenna schon oft gehört hatte und der für sie längst zur Nacht gehörte wie der Mond selbst. Sie lauschte eine Weile dem fernen Atem ihrer Mutter durch die Wand, der sich langsam mit ihrem eigenen Atem zu einem gemeinsamen, ruhigen Rhythmus verband, obwohl Stein und Felsen zwischen ihnen lagen.
Nach einer Weile bemerkte sie, dass der Stein in ihren Klauen nicht mehr ganz so heiss war wie am Anfang, aber immer noch angenehm warm, gerade richtig, um die Kälte der Höhlenluft fernzuhalten. Sie rollte sich enger um ihn zusammen, wie sie es früher um ihre Mutter herum getan hatte, und das Moos unter ihr gab leise nach, formte sich um ihren kleinen Körper wie eine zweite, weiche Umarmung.
Als der Stern durch das Deckenloch schon höher gewandert war, hörte Fenna, wie ihre Mutter nebenan noch einmal leise etwas summte, eine alte Drachenweise ohne Worte, die durch die Felswand kaum lauter als ein Flüstern zu ihr drang. Fenna spürte, wie ihre Augenlider schwer wurden, wie der warme Stein an ihrer Brust langsam zu ihrem eigenen ruhigen Atem passte, und irgendwann, mitten in der Melodie ihrer Mutter, schlief sie zum ersten Mal ganz allein und doch nicht allein in ihrem neuen Nest ein.

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