Hoch über einem kleinen Dorf, wo die Luft dünn und kühl ist, schwebte eine Wolke, die Hanno hiess. Sie war nicht besonders gross und nicht besonders weiss, sondern ein wenig grau am Rand, mit einem dunklen Bauch, in dem sich der Regen sammelte. Alle anderen Wolken am Himmel waren schon vor Stunden weitergezogen, aber Hanno blieb, weil sie an diesem Abend eine Aufgabe hatte: Über dem Dorf sollte es regnen, ein sanfter Regen, der die Gärten tränkte und die Strassen sauber wusch.
Das Regnen konnte Hanno gut. Sie spannte ihren Bauch an, schüttelte sich ein wenig, und schon fielen die ersten Tropfen, fein und leise, wie feines Salz, das jemand über die Dächer streut. Es war der andere Teil, der ihr Sorgen machte.
Zum Regen gehörte nämlich, wenn die Luft so schwer und warm wurde wie an diesem Abend, auch der Donner. Hanno konnte nichts dagegen tun. Wenn sich in ihrem Inneren zu viel Spannung ansammelte, rummste es von allein, tief und laut, und jedes Mal erschrak sie so sehr vor ihrem eigenen Geräusch, dass sie ganz klein wurde und sich zusammenzog.
„Hoffentlich dauert es heute nicht lange“, flüsterte sie vor sich hin.
Unten im Dorf schloss jemand ein Fenster. Hanno sah das gelbe Rechteck, das kurz aufblinkte und dann wieder ruhig leuchtete. Irgendwo zog ein Kind die Vorhänge zu, und ein Hund lief zum Zaun und bellte einmal, als wollte er sich vergewissern, dass er noch da war.
Dann kam es. Ein tiefes, grollendes Brummen rollte durch Hannos Bauch, wurde lauter und lauter und brach schliesslich über das Tal herein: Rrrrrummmms!
Hanno erschrak so sehr, dass sie sich zusammenkrümmte. Ihre Ränder zitterten. Sie wollte sich verstecken, aber auf dem offenen Himmel gab es nichts, hinter das man schlüpfen konnte. Da hörte sie ein feines Flattern neben ihrem Ohr, wenn eine Wolke so etwas wie ein Ohr hat. Es war ein Nachtfalter mit braun gefleckten Flügeln, der in der warmen Luft aufgestiegen war und nun neben ihr schwebte.
„Das war aber ein lauter Donner“, sagte der Nachtfalter, ohne zu erschrecken.
„Es tut mir leid“, murmelte Hanno. „Ich wollte das nicht. Ich mag den Lärm selbst nicht.“
„Warum machst du ihn dann?“
„Ich kann nicht anders“, sagte Hanno. „Wenn der Regen kommt, kommt der Donner mit. Das war schon immer so.“
Der Nachtfalter schaute sie nachdenklich an. Er hatte feine Fühler, die sich bewegten wie Antennen, und grosse dunkle Augen, in denen sich das Licht der Dorflaternen spiegelte. Er hiess Nuri, aber alle am Himmel nannten ihn nur Falter, weil er in den vielen Nächten, in denen er unterwegs gewesen war, nie jemandem seinen Namen gesagt hatte.
„Weisst du, was ich glaube?“, sagte er schliesslich. „Dass der Donner nichts anderes ist als ein tiefes Summen, das ein bisschen zu schnell herauskommt.“
„Ein Summen?“, fragte Hanno.
„Ja. Ich summe auch, wenn ich unterwegs bin. Nur viel kleiner. Wenn du dein Summen langsamer machst, wird es vielleicht weicher.“
Hanno wusste nicht, ob das möglich war, doch sie spürte, dass der Falter es ernst meinte, und das gab ihr Mut. Sie atmete tief ein, zog all ihre Feuchtigkeit in der Mitte zusammen und liess sie dann ganz langsam wieder los, nicht auf einmal, sondern in einem langen, gleichmässigen Strom.
Ein leises Murren rollte durch den Himmel, so tief, dass die Luft ein wenig vibrierte, aber ohne den Schlag am Anfang. Es klang beinahe wie ein grosser Hund, der sich zufrieden im Schlaf dreht.
„Das war schon besser“, sagte der Falter.
„Wirklich?“
„Probier es noch einmal. Diesmal noch tiefer, und stell dir vor, du summst jemanden in den Schlaf.“
Hanno schloss die Augen, soweit eine Wolke das kann. Sie dachte an die Kinder im Dorf, die jetzt in ihren Betten lagen. Sie dachte an die Fenster mit den gelben Lichtern und an die Hunde, die sich auf ihren Decken zusammengerollt hatten. Dann liess sie ein Summen aus ihrem Bauch steigen, ein warmes, rundes Summen, das nicht schlug, sondern rollte. Es wanderte über die Dächer, von einem Ende des Tals zum anderen, und dort, wo es hinkam, wurden die Fenster ein wenig stiller.
Unten im Dorf sass ein Mädchen im Nachthemd auf der Fensterbank und hielt die Nase an die Scheibe. Sie hiess Ronja, und sie hatte sich schon die ganze Zeit gefragt, ob sie ihre Decke über den Kopf ziehen sollte. Als das neue, sanfte Grollen vorbeikam, spürte sie es in ihrer Brust wie ein Streicheln. Sie lächelte.
„Der Donner schnurrt“, sagte sie leise zu ihrem Stoffhasen. „Wie eine ganz grosse Katze.“
Oben am Himmel fielen jetzt die ersten Regentropfen. Hanno schickte sie nicht mehr in hastigen Schauern, sondern in kleinen Wellen, immer ein paar auf einmal, mit Pausen dazwischen. Der Regen trommelte auf die Ziegel, auf das Blech der Regentonne, auf die Blätter des Apfelbaums im Garten: tip, tip-tip, tip, tip-tip-tip. Jeder Tropfen klang ein wenig anders, und zusammen ergaben sie ein Muster, das man nicht auswendig lernen konnte, weil es sich dauernd veränderte.
„Hörst du das?“, fragte der Falter.
„Es klingt wie ein Lied“, sagte Hanno erstaunt.
„Es ist eins“, antwortete der Falter. „Ein Regenlied. Du hast es eben erfunden.“
Hanno wurde vor Freude ein bisschen heller am Rand. Sie liess den Regen fallen, und mit jedem Tropfen wurde sie leichter. Ab und zu rollte ein tiefes, ruhiges Brummen durch den Himmel, aber es hatte nichts Bedrohliches mehr, sondern klang, als würde jemand im Nebenzimmer einen Schrank verschieben, ganz vorsichtig, um niemanden aufzuwecken.
Weit drüben, am Rand des Himmels, zuckte kurz ein Licht auf, ein heller Streifen, der im nächsten Moment wieder verschwand. Hanno zuckte nicht mehr zusammen. Sie sah hin, wie man zu einem Nachtlicht hinschaut, und fand, dass es in der Dunkelheit ganz angenehm leuchtete, so wie die kleine Lampe im Flur, die man nachts für alle Fälle brennen lässt.
Der Nachtfalter flatterte noch einmal um sie herum. Er musste weiter, denn die Nacht war lang, und irgendwo auf der anderen Seite des Tales wartete ein offenes Fenster, in dessen Licht er tanzen wollte.
„Ich hab dich lieb gewonnen, kleine Wolke“, sagte er, und seine Flügel zitterten kurz im Wind.
„Gute Nacht, Falter“, sagte Hanno. „Und danke.“
Er flog davon, ein winziger, brauner Punkt, der in der Dunkelheit verschwand.
Hanno blieb über dem Dorf. Der Regen fiel jetzt gleichmässig, leise und dicht, und in den Fenstern erloschen eines nach dem anderen die Lichter. Der Hund am Zaun hatte sich schon lange hingelegt. Ronja war von der Fensterbank in ihr Bett gekrochen und schlief mit dem Stoffhasen im Arm, den Mund leicht geöffnet.
Als der Regen später dünner wurde und nur noch einzelne Tropfen aus Hannos Bauch fielen, spürte sie, wie die Spannung in ihr ganz von selbst verschwand. Der Donner kam nicht mehr. Stattdessen lag ein tiefes Schweigen über dem Tal, das nach nasser Erde und frischem Gras roch, und über den Dächern hing nur noch ein feiner, silbriger Dunst.
Hanno schloss die Augen. Ihr Bauch war leicht, der Himmel war weit, und sie schwebte langsam, ein bisschen hin und ein bisschen her, wie ein Schiff, das keinen Hafen braucht. Aus der Ferne hörte sie noch einmal ihr eigenes Summen, ein weiches Echo, das die Berge zurückgaben. Es klang wie ein Gute-Nacht-Lied, und sie sang es leise weiter, bis sie nicht mehr wusste, ob sie sang oder träumte.

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