Ben und der Stern, der seinen Platz verloren hat

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Jeden Abend, bevor Ben ins Bett ging, kniete er sich auf seinen Fensterplatz und zählte die Sterne. Nicht alle, das wäre unmöglich gewesen, sondern nur die aus seinem Lieblingssternbild, das er sich selbst ausgedacht hatte und das aussah wie ein kleiner Fisch mit einem langen Schweif. Sieben Sterne gehörten dazu, und Ben kannte jeden einzelnen an seinem Platz.

Heute aber zählte er nur sechs.

„Das kann nicht sein", murmelte er und rieb sich die Augen, doch als er wieder hinschaute, fehlte der kleine Stern an der Schwanzspitze des Fisches immer noch. Ben lehnte sich weiter aus dem Fenster, so weit es seine Mutter erlaubte, und suchte den Nachthimmel ab, bis sein Blick tiefer wanderte, näher an die Dächer der Nachbarhäuser heran.

Dort, auf dem First des alten Schuppens im Garten, sass ein kleiner, blass leuchtender Punkt und zitterte leicht, so als würde er frieren.

„Bist du mein Stern?", flüsterte Ben, kaum lauter als ein Atemzug, während er sich noch ein Stückchen weiter aus dem Fenster lehnte, um ganz sicherzugehen.

„Ich glaube schon", kam eine dünne, glitzernde Stimme zurück. „Ich bin heruntergerutscht, als eine Wolke vorbeigezogen ist, und jetzt finde ich den Weg nicht mehr zurück." Der kleine Stern, den Ben von nun an Fips nannte, weil ihm der Name auf Anhieb einfiel und irgendwie genau zu diesem winzigen, zitternden Lichtpunkt passte, klang nicht ängstlich, nur ein wenig verloren, so wie man klingt, wenn man den Rückweg von einem fremden Spielplatz nicht mehr findet.

Ben überlegte kurz, dann griff er nach seiner Taschenlampe, die immer griffbereit auf seinem Nachttisch lag. „Ich zeig dir den Weg", sagte er und richtete den Lichtkegel vorsichtig hinauf in den Himmel, genau zu der Lücke, wo die Schwanzspitze des kleinen Fisches fehlte.

„So weit oben?", fragte Fips zweifelnd.

„Du musst dem Licht einfach folgen", antwortete Ben. „Ganz langsam, keine Eile."

Ben dachte kurz an den Abend zurück, an dem sein Vater ihm zum ersten Mal das Fischsternbild gezeigt hatte, mit genau denselben Worten, die Ben nun fast automatisch im Kopf hatte: dass man auch einen einzigen fehlenden Stern nicht einfach so hinnehmen dürfe, weil jeder seinen festen Platz habe. Er hielt die Taschenlampe fester und flüsterte Fips aufmunternd zu, dass er sich Zeit lassen dürfe, dass niemand ihn hetzen würde. „Ich warte, solange du brauchst", sagte er, und irgendwie klang das für einen Moment gar nicht mehr wie ein Junge, der eigentlich längst hätte schlafen sollen, sondern wie jemand, der genau wusste, was zu tun war. Fips hob sich vorsichtig vom Schuppendach ab, ein winziges Glimmen, das erst zögerlich, dann mutiger dem Lichtstrahl entlangwanderte. Ben hielt die Taschenlampe so ruhig er konnte, auch als sein Arm langsam schwer wurde, denn er wollte nicht, dass Fips den Weg wieder verlor. Immer wieder blinzelte der kleine Stern, als würde er sich vergewissern, dass das Licht noch da war, und immer wieder bewegte er sich ein Stückchen weiter nach oben.

Auf halber Höhe blieb Fips kurz zögern, als hätte er die Orientierung verloren, und Ben hielt die Taschenlampe ganz still, ohne zu wackeln, damit der kleine Stern sich wieder sammeln konnte. „Alles gut, ich beweg mich nicht", flüsterte er beruhigend, und nach ein paar Sekunden setzte sich Fips tatsächlich wieder in Bewegung, diesmal etwas zielstrebiger als zuvor. „Fast geschafft", flüsterte Ben, als Fips die Höhe der Dachrinne erreichte, dann die der Baumkronen, und schliesslich so hoch stieg, dass er sich kaum noch von den anderen Sternen unterschied.

„Ich sehe die anderen schon", rief Fips, und seine Stimme klang jetzt viel fröhlicher. „Da sind sie, meine Nachbarn!" Ben konnte hören, wie erleichtert der kleine Stern klang, und für einen Moment fühlte er sich selbst so leicht, als würde auch er ein winziges Stück höher schweben, dort wo der Lichtstrahl seiner Taschenlampe endete.

Mit einem letzten sanften Aufleuchten glitt der kleine Stern zurück an seinen Platz, genau an die Schwanzspitze des Fischs, und für einen kurzen Moment schien er dort ein wenig heller zu funkeln als zuvor, so als würde er sich freuen, wieder zu Hause zu sein.

Ben liess die Taschenlampe sinken und zählte noch einmal, ganz genau: eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben. Alle waren da.

„Gute Nacht, Fips", sagte er leise und winkte kurz hinauf, auch wenn er wusste, dass ihn dort oben wohl niemand mehr sehen konnte.

Er schaltete die Taschenlampe aus, legte sie zurück auf den Nachttisch und kroch unter seine Decke, die nach frisch gewaschener Baumwolle roch und sich angenehm schwer über seine Schultern legte. Durch das offene Fenster fiel noch ein letzter Blick auf das Sternbild, das nun wieder vollständig war und ruhig über den Dächern der Nachbarschaft leuchtete, bevor Ben die Augen schloss und, mit dem leisen, warmen Gefühl, jemandem heute Abend wirklich geholfen zu haben, ganz langsam in einen ruhigen Schlaf hinüberglitt.

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