Pia flog in einem Raumschiff, das aussah wie eine Hängematte mit Fenstern. Es war gerade gross genug für sie, ihren Rucksack und eine Thermoskanne mit warmer Milch. Jeden Abend flog sie eine kleine Runde durch den Sternenhimmel und sah nach, ob alles an seinem Platz hing.
Denn die Sterne hingen an einer langen Leine, so wie Wäsche. Das hatte ihr der alte Mond erklärt, und seither prüfte Pia jeden Abend, ob die Klammern festsassen.
An diesem Abend sollte es besonders ruhig werden, denn in der Nacht würden Kinder auf der ganzen Welt aus ihren Fenstern schauen und sich etwas wünschen. Pia hatte sich fest vorgenommen, dass kein Stern schief hing, wenn der erste Wunsch losflog.
Heute Abend war irgendetwas anders. Schon von Weitem hörte sie ein seltsames Geräusch: ein Hüpfen, ein Plumpsen, ein Hicks.
„Hick!“
Pia drehte ihre Hängematte um die Ecke eines Nebels und sah einen kleinen Kometen, der mit seinem langen Schweif wie ein Hund hin und her wedelte. Bei jedem Hicks machte er einen Satz nach oben, schoss über die Sternenleine hinweg, kam wieder herunter und riss dabei ein paar Sterne aus ihren Klammern. Sie baumelten schief an der Leine, und einer fiel sogar herunter und blieb in einer Wolke hängen.
„Entschuldigung“, rief Pia und winkte. „Kann ich dir helfen?“
Der Komet hüpfte schon wieder davon, quer über die Leine, und Pia musste die Hängematte kräftig anschubsen, um ihm hinterherzukommen. Sie sauste durch einen Schwarm Sternschnuppen, duckte sich unter einem Mondring hindurch und holte ihn endlich neben dem Grossen Wagen ein.
„Hick! Ich weiss nicht, was los ist“, sagte der Komet und schüttelte seinen Schweif. „Seit heute Mittag hicke ich, und ich kann nicht aufhören. Hick! Es tut mir so leid mit den Sternen.“
„Vielleicht habe ich heute Mittag zu schnell einen Mondstrahl getrunken“, sagte der Komet und liess den Schweif hängen. „Er war so kalt und so süss, ich konnte nicht aufhören.“
Pia überlegte. „Dagegen gibt es Tricks“, sagte sie. „Auf der Erde trinken die Kinder ein Glas Wasser.“
„Hier oben gibt es kein Wasser“, sagte der Komet. „Nur Staub. Hick!“
Pia schraubte ihre Thermoskanne auf und goss einen Tropfen warme Milch in den Deckel. Der Komet probierte, schlürfte laut und hickste kurz darauf noch stärker. Ein ganzer Stern sprang aus der Leine.
Pia versuchte es mit Zählen. „Wenn du an etwas anderes denkst, vergisst du den Schluckauf vielleicht“, sagte sie, und gemeinsam zählten sie rückwärts, von hundert bis eins, jede Zahl laut und deutlich in der Stille des Alls. Bei vierunddreissig hickste der Komet, und alle Sterne wackelten, also fingen sie wieder von vorn an. Bei siebenundfünfzig hickste er wieder.
„Dann Luft anhalten“, schlug Pia vor. „Ganz fest, bis ich bis zehn gezählt habe.“
Der Komet blähte seine Wangen auf, bis er aussah wie ein glühender Ball. Pia zählte laut. Bei sieben wurde er rot, bei acht blau, bei neun zitterte sein Schweif, und bei zehn ploppte die Luft heraus, und er hickste so laut, dass die Sternenleine wackelte wie eine Schaukel.
Diesmal löste sich ein Stern aus der Leine und trudelte nach unten. Pia reagierte, bevor sie nachdachte. Sie riss die Hängematte herum, flog dem Stern hinterher und fing ihn mit dem Stoff auf wie in einem Netz. Der Stern lag da, warm und zitternd, und blinzelte sie an. „Hab dich“, flüsterte sie. Sie flog ihn behutsam zurück zur Leine und klemmte ihn an seinen Platz.
„Es hilft nichts“, sagte der Komet kläglich. „Ich bin ein hoffnungsloser Fall.“
Ganz unten an der Leine hing ein kleiner blauer Stern, der als Einziger noch festsass und bei jedem Hicks so heftig hin und her schwang, dass seine Klammer knirschte. Wenn er herunterfiel, dachte Pia, würde auf der Erde jemand einen Wunsch verpassen.
Pia setzte sich auf den Rand ihrer Hängematte und überlegte weiter. Sie hatte noch einen Trick, aber der war ein bisschen albern. Ihre Grossmutter hatte ihn immer benutzt: Man musste jemanden erschrecken, nur ein kleines bisschen, und zwar auf lustige Art.
Pia holte tief Luft, riss die Augen auf, schob die Lippen vor und schielte, bis sie aussah wie ein Fisch, der gerade einen Löffel verschluckt hat. Dann machte sie ganz langsam: „Bluuuub.“
Der Komet starrte sie an. Seine Augen wurden gross und rund. Dann fing sein Schweif an zu zucken. Er prustete los, so heftig, dass er sich in der Luft überschlug, und er lachte und lachte, bis ihm Funken aus den Ohren stiebten.
„Bluuuub!“, wiederholte er und lachte noch lauter.
Als er sich beruhigt hatte, wischte er sich die Augen und lauschte in sich hinein. Er wartete. Es kam kein Hicks mehr.
„Weg“, flüsterte er. „Er ist weg!“
Er schwebte an der Leine entlang und entschuldigte sich bei jedem einzelnen Stern. „Schon gut“, funkelten sie zurück, jeder auf seine Weise, die einen leise, die anderen mit einem kleinen Blinzeln.
„Dann können wir die Sterne wieder aufhängen“, sagte Pia.
Gemeinsam sammelten sie die Sterne ein, der Komet trug sie in seinem Schweif, und Pia klemmte sie mit ihren Fingern wieder an die Leine, einen nach dem anderen. Auch den, der in der Wolke hing, holten sie heraus und pusteten den Staub ab. Zum Schluss hingen alle Sterne gerade, glänzten ruhig und blinkten ein klein wenig wie zum Dank.
Dabei hatte jeder Stern eine eigene Meinung, wo er hängen wollte. Ein dicker gelber Stern bestand darauf, links neben dem grossen Löffel zu hängen, ein winziger roter wollte ganz ans Ende der Leine. Pia hörte allen geduldig zu, nickte und klemmte jeden dorthin, wo er hinwollte, und der Komet hielt ihr die Klammern bereit. Der blaue Stern, der als Einziger nicht heruntergefallen war, bekam eine neue Klammer und strahlte so stolz, dass er die Nachbarn blendete.
Die Leine selbst hing an einer Stelle durch, wo sie so viel gewackelt hatte, also zogen Pia und der Komet sie gemeinsam wieder straff, Pia an dem einen Ende, der Komet mit seinem Schweif am anderen.
Der Komet legte sich neben die Leine und liess seinen Schweif sanft ausrollen. „Bleibst du noch ein bisschen?“, fragte er.
„Ein bisschen“, sagte Pia. Sie nahm ihre Thermoskanne, goss sich selbst einen Schluck Milch ein und schwebte neben ihm. Die Milch schmeckte nach Honig. Die Sterne über ihr flackerten leise im Takt ihres Atems.
„Wie heisst du eigentlich?“, fragte Pia.
„Fizz“, sagte der Komet. „Weil ich ganz früher immer gezischt habe, wenn ich durch die Staubwolken geflogen bin.“
„Fizz“, wiederholte Pia lächelnd. „Das passt zu dir.“ Er erzählte, dass er erst seit zwei Wochen allein unterwegs war und noch nicht wusste, wo er hingehörte. Pia hörte zu und trank ihre Milch. „Du kannst jeden Abend an der Leine entlangfliegen“, sagte sie. „Nur ohne Hicksen. Dann zählen wir zusammen die Sterne.“
„Versprochen“, sagte Fizz.
Pia löste eine kleine Klammer von ihrem Rucksack und band sie ihm als Erinnerung an den Schweif. „Wenn du wieder hicksen musst“, sagte sie, „hältst du dich daran fest.“
Weit unten, auf der Erde, ging in einem Kinderzimmer das Licht aus, und ein Kind sah noch einmal aus dem Fenster. Alle Sterne hingen gerade, und es wünschte sich etwas, ganz leise. Pia sah es nicht, aber sie spürte es, so wie man eine Wärme spürt, die von weit herkommt.
Irgendwann spürte sie, dass die Hängematte sanft zu schaukeln begann. Der Komet summte, ganz leise, wie ein Wiegenlied. Pia zog die Decke bis zum Kinn und schloss die Augen, und das Raumschiff trieb langsam, ganz langsam durch die stille Nacht.

Jeden Sonntag die schönsten Geschichten der Woche
Trag dich ein und bekomm jeden Sonntag eine kurze Post von uns, mit den Geschichten, die diese Woche am besten ankamen. Als Willkommensgeschenk gibt es gratis Ausmalseiten und das erste Kapitel eines Schlummerpiraten-Buchs.
Ähnliche Gute-Nacht-Geschichten
9 Min. VorlesezeitKamel Sahir und die Oase unter den Sternen
Das junge Kamel Sahir ist von der langen Wüstenreise erschöpft und lernt von der Karawane, nachts zu gehen, bis es unter den Sternen die Oase erreicht.
5 Min. VorlesezeitKapitän Pemberton und die Sternenkarte aus Muscheln
Bei stiller Ebbe legt Kapitän Pemberton mit dem Schiffsjungen Oskar eine Muschel-Sternenkarte in den Sand, bis die Flut sie leise zurück an Bord in die Hängematten trägt.
9 Min. VorlesezeitRoboter Zink und der Mond-Gärtner-Auftrag
Gärtner-Roboter Zink pflegt nachts einen Garten auf dem Mond, in dem Silberblumen nur in der Stille aufblühen, und lernt, sein Surren leiser zu stellen.
5 Min. VorlesezeitAstronautin Ida sagt der Erde Gute Nacht
Astronautin Ida schwebt ans Fenster ihrer kleinen Raumstation, verabschiedet Ort für Ort, an dem gerade die Lichter ausgehen, und schläft danach selbst friedlich in ihrem Schlafsack ein.
6 Min. VorlesezeitBen und der Stern, der seinen Platz verloren hat
Ben entdeckt, dass ein Stern aus seinem Lieblingssternbild fehlt, und hilft dem kleinen Stern Fips mit seiner Taschenlampe zurück an seinen Platz.
4 Min. VorlesezeitLuna, das Sternenmädchen - eine einzigartige Gute-Nacht-Geschichte
Entdecke eine einzigartige Gute-Nacht-Geschichte über das Sternenmädchen Luna, das ohne Erinnerungen auf der Erde erwacht. Gemeinsam mit dem Jungen Manuel und sprechenden Waldtieren lüftet sie ihr magisches Geheimnis. Eine berührende, detailreiche Erzählung voller Herzenswärme, die Kinder zwischen 4 und 8 Jahren sanft in das Reich der Träume begleitet.
