Feenkönigin Liselle und das vergessene Wiegenlied

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Tief im Feenwald, zwischen uralten Bäumen, deren Wurzeln aussahen wie sanfte Wellen aus Holz, lebte Feenkönigin Liselle. Sie war keine Fee mehr, die pfeilschnell zwischen den Blüten herumflatterte, dafür war sie schon zu alt, aber ihre Flügel schimmerten noch genauso sanft wie am ersten Tag. Jede Nacht sang sie dem ganzen Wald ein Wiegenlied, ein Lied, das so alt war wie der Wald selbst, und das dafür sorgte, dass jedes Tier, jede Blume und jeder Baum ruhig einschlafen konnte.

Heute Abend aber, als Liselle sich auf ihren gewohnten Platz auf dem Moosstein setzte und zu singen begann, blieb sie mitten in der letzten Strophe stecken. Die Melodie war da, doch die Worte dazu waren wie fortgeweht, als hätte der Wind sie ihr aus dem Gedächtnis getragen.

„Wie ging das nur weiter?", murmelte sie und strich sich nachdenklich über die Stirn. Um sie herum wurde es unruhig: Ein paar Grashalme, die schon halb zur Ruhe gekommen waren, richteten sich wieder auf, und aus der Ferne hörte man ein leises, besorgtes Flüstern zwischen den Bäumen.

Liselle beschloss, nicht länger allein zu grübeln. Sie flog zu den Glühwürmchen, die in einer kleinen Gruppe über dem Teich schwebten. „Kennt ihr das Ende meines Liedes?", fragte sie.

Das älteste Glühwürmchen blinzelte nachdenklich. „Wir kennen nur ein Stück", sagte es, „das Stück von der Ruhe, die über das Wasser kommt." Und es summte ihr die Zeile vor, leise und ein bisschen zittrig, aber genau richtig.

Bevor sie weiterflog, drehte sie sich noch einmal zu dem alten Glühwürmchen um. „Wie lange singst du diese Zeile schon mit?", fragte sie neugierig. „Seit meine Grossmutter noch klein war", antwortete es und liess sein Licht dabei kurz besonders hell aufleuchten, als würde es sich an etwas Schönes erinnern. Liselle musste lächeln, denn genau das war es, was den Feenwald so besonders machte: dass jeder ein kleines Stück des grossen Liedes in sich trug, auch wenn niemand mehr das ganze Lied allein kannte. Sie bedankte sich und flog weiter zu den Mondblumen, die am Ufer in einer Reihe wuchsen und sich nur bei Vollmond öffneten. „Wisst ihr mehr?", fragte sie.

Die grösste Mondblume neigte sich zu ihr herunter und flüsterte eine weitere Zeile, die von den ersten Sternen handelte, die über die Baumwipfel wanderten. Liselle wiederholte sie leise für sich, damit sie sie nicht wieder vergass, und flog weiter, tiefer in den Wald hinein, bis zu dem alten, knorrigen Eulenbaum, der schon seit Ewigkeiten am Waldrand stand.

Die Eule, die dort seit vielen Jahren lebte, öffnete ein Auge, als Liselle sich näherte. „Ich erinnere mich an den Anfang deines Liedes", krächzte sie leise, „aber nicht an das Ende." Und sie sang ihr die ersten Töne vor, so tief und ruhig, dass selbst die Blätter des Baumes stillzuhalten schienen.

Liselle setzte sich auf einen dicken Ast neben der Eule und begann, alle Teile zusammenzufügen: den Anfang von der Eule, die Mitte von den Mondblumen, das Ende von den Glühwürmchen. Erst klang es noch ein wenig holprig, wie Puzzleteile, die noch nicht ganz zueinander passten, aber je öfter sie es wiederholte, desto runder wurde die Melodie.

Sie flog zurück zu ihrem Moosstein in der Mitte des Waldes, breitete die Arme aus und begann von vorn zu singen, diesmal ohne zu stocken. Die Grashalme legten sich wieder hin. Die Blätter der Bäume hörten auf zu rascheln. Sogar der kleine Bach, der durch den Wald floss, schien leiser zu plätschern, als würde auch er zuhören wollen.

Ein kleiner Igel, der gerade erst aus seinem Bau gekrochen war, um nach Käfern zu suchen, blieb mitten auf dem Weg stehen und lauschte mit gespitzten Stacheln, als hätte er noch nie ein so vollständiges Lied gehört. Auch er summte irgendwann leise mit, so gut es eben mit einer Igelstimme ging, und Liselle musste dabei ein kleines bisschen lächeln, ohne im Singen innezuhalten. Nach und nach summten die Tiere des Waldes mit, jedes auf seine eigene Weise: die Grillen mit einem leisen Zirpen, die Eule mit einem tiefen, gedehnten Ton, die Glühwürmchen, indem sie im Takt der Melodie aufleuchteten und wieder erloschen. Der ganze Wald wurde zu einem einzigen, sanften Chor, bis das Lied schliesslich in einem letzten, langen Ton verklang.

Liselle liess sich erschöpft, aber zufrieden auf ihrem Moosstein nieder, ihre Flügel hingen locker herab, wie sie es nur nach einem gut gesungenen Lied taten. Um sie herum war es nun so still, wie es an jedem anderen Abend auch war, ganz so, als hätte sie das Lied nie vergessen gehabt. Sie faltete ihre Flügel zusammen, lehnte den Kopf an den weichen Stein und schloss die Augen.

„Danke, dass ihr euch erinnert habt", flüsterte sie noch in die Stille hinein, bevor auch sie, umgeben von ihrem schlafenden Wald, selbst einschlief, während der kleine Igel sich still zu ihren Füssen zusammenrollte und ebenfalls zur Ruhe kam.

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