Hoch über der Erde, weit hinter den Wolken, kreiste Idas kleine Raumstation gemächlich ihre Bahnen, und wie jeden Abend, kurz bevor ihre Arbeitsschicht endete, schwebte sie zum grossen runden Fenster hinüber, um zuzusehen, wie unten auf der Erde die Lichter ausgingen. Sie hatte diesen Moment von Anfang an geliebt, mehr als jedes Experiment und jede Messung, denn von hier oben sah die ganze Erde aus wie ein einziges, sanft atmendes Wesen, das langsam zur Ruhe kam.
Sie zog sich mit einer Hand am Griff neben dem Fenster heran und drückte die Stirn fast an das kühle Glas, während unter ihr eine Küstenstadt vorbeizog, deren Lichter sich wie ein funkelndes Netz über die Bucht zogen. „Gute Nacht, kleine Stadt am Meer,", flüsterte sie und beobachtete, wie hier und da ein Fenster erlosch, eines nach dem anderen, während ein Fischerboot draussen noch einen winzigen gelben Punkt auf dem dunklen Wasser zeichnete. Sie stellte sich vor, wie unten vielleicht gerade jemand die Angel einholte, um heimzugehen.
Die Station glitt weiter, und schon zogen unter ihr die Berge vorbei, in denen nur vereinzelte Lichtpunkte in den Tälern aufblitzten, Dörfer, die viel kleiner waren als die Stadt zuvor, aber genauso hell in Idas Augen. „Gute Nacht, ihr Bergdörfer,", sagte sie leise, und dachte an die Kinder dort unten, die jetzt vielleicht gerade ihre Zähne putzten oder sich unter dicke Decken kuschelten, während der Wind draussen um die Dächer strich. Ihr eigenes Herz wurde bei diesem Gedanken jedes Mal ein wenig ruhiger.
Nach einer Weile näherte sich die Station einer grossen Stadt mit vielen Brücken, deren Lichter sich in einem breiten Fluss spiegelten wie in einem zweiten Himmel. Es war die hellste Stelle auf der ganzen Nachtseite, und Ida presste die Handfläche gegen das Glas, als könnte sie die Lichter berühren. „Gute Nacht, ihr vielen Brücken. Gute Nacht, alle, die noch wach sind, und gute Nacht, alle, die schon schlafen." Selbst dort, in der hellsten Stadt, gingen jetzt Fenster für Fenster aus, während sich die Station weiterbewegte, ruhig und stetig, ohne Eile.
Ein Kollege schwebte kurz an ihr vorbei, murmelte einen freundlichen Gruss und verschwand zu seiner eigenen Koje, aber Ida blieb noch ein wenig am Fenster, wie sie es fast jeden Abend tat. Sie mochte den Moment, in dem die Erde unter ihr langsam dunkler wurde, fast ganz dunkel, bis auf ein paar letzte funkelnde Punkte, die aussahen wie Sterne, die sich zur Erde verirrt hatten. Manchmal, sagte sie sich, war es gar nicht so einfach zu sagen, wo der Himmel aufhörte und die Erde begann.
Als die letzte Stadt unter dem Horizont verschwand und für eine Weile nur noch das tiefe, samtige Schwarz des Ozeans zu sehen war, löste sich Ida vom Fenster und schwebte zurück zu ihrer eigenen kleinen Koje an der Wand. Dort wartete ihr Schlafsack, der wie ein länglicher Kokon an zwei Riemen befestigt war, und ein kleiner weicher Plüschbär, den sie sich von zu Hause mitgebracht hatte und der jetzt sanft neben ihrem Kissen schwebte.
Sie zog den Reissverschluss ihres Schlafsacks bis zum Kinn hoch, drückte den Bären an sich, obwohl er in der Schwerelosigkeit kaum wog, und liess sich von den kleinen Riemen halten, während draussen vor dem runden Bullauge die Sterne weiterzogen, unzählig und still. Irgendwo unter ihr, dachte sie schläfrig, gingen jetzt gerade woanders die ersten Lichter wieder an, denn während hier oben eine Erdseite schlief, wachte die andere gerade auf, ein langsames, beruhigendes Auf und Zu, das niemals ganz endete.
„Gute Nacht, Erde,", murmelte Ida noch einmal, kaum hörbar, mehr für sich selbst als für irgendjemanden sonst, und schloss die Augen. Die Station summte leise um sie herum, ein gleichmässiges, vertrautes Brummen, das sie längst nicht mehr störte, sondern eher wie ein Schlaflied begleitete, und noch bevor sie es richtig bemerkte, schwebte auch sie selbst hinüber in einen tiefen, ruhigen Schlaf, weit über der schlafenden Erde.

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