Ritter Anselm und das müde Burgpferd

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Seit drei Tagen war die alte Stute Marzipan im neuen Stall auf der Ostseite von Burg Steinfeld untergebracht, und seit drei Nächten stand sie unruhig in ihrer Box, statt sich hinzulegen. Der neue Stallmeister hatte es Anselm beim Abendessen erzählt, zwischen zwei Löffeln Gerstensuppe, so beiläufig, als wäre es eine Kleinigkeit. Anselm aber legte seinen Löffel hin und dachte an Marzipan, die er kannte, seit er selbst noch zu klein gewesen war, um allein aufs Pferd zu steigen.

Er wartete, bis die Burg zur Ruhe kam, bis die letzten Fensterläden zuklappten und nur noch der Wächter oben auf der Mauer wach war. Dann nahm er die alte karierte Decke aus seiner Truhe, die Marzipan früher immer über der Boxentür hängen hatte, bevor der Umzug kam, und schlich hinunter zum neuen Stall. Er hatte gelernt, wie man sich lautlos bewegt, seit ihm der Schmied das leise Schwert geschenkt hatte, und diese Fertigkeit kam ihm jetzt gelegen: kein Klirren, kein Poltern, nur seine Schritte auf dem festgetretenen Erdboden.

Marzipan stand mit hängendem Kopf in der Ecke ihrer Box, die Ohren nach hinten gedreht, als würde sie auf etwas Vertrautes lauschen, das nicht kam. Anselm blieb am Türspalt stehen und sprach sie leise an, bevor er eintrat, damit sie sich nicht erschreckte. „Ich bin's nur, Marzipan. Ich hab dir was mitgebracht." Die Stute drehte den Kopf, schnaubte einmal, kurz und fragend, und kam dann langsam näher.

Er breitete die Decke über ihren Rücken, genau so, wie er es aus dem alten Stall kannte, faltete den Rand um, damit sie an der Schulter nicht kitzelte. Der Geruch der Decke war noch der alte, nach Heu und nach der Seife, mit der er sie manchmal gewaschen hatte, und Marzipan drückte ihre Nüstern gegen seine Schulter, als würde sie diesen Geruch erst jetzt wiedererkennen. Anselm setzte sich auf den umgedrehten Eimer in der Ecke und begann leise zu summen, ein Lied ohne Worte, das seine Grossmutter ihm einst vorgesummt hatte, wenn er selbst nicht einschlafen konnte.

Die Stute stand eine Weile still da, die Augen halb geschlossen, ein Hinterbein leicht angewinkelt. Draussen zog eine Wolke vor den Mond, und der Stall wurde für einen Moment noch dunkler, nur das Öllämpchen an der Wand warf einen schmalen goldenen Streifen über den Boden. Anselm summte weiter und dachte an nichts Bestimmtes, nur an das ruhige Ein- und Ausatmen des Pferdes, das langsamer wurde, je länger er dort sass.

„Weisst du,", sagte er irgendwann leise, mehr zu sich selbst als zu ihr, „ein neuer Ort braucht manchmal nur etwas, das nach dem alten riecht. Dann ist er gar nicht mehr so fremd." Marzipan schnaubte zustimmend, ein weiches, tiefes Geräusch, und knickte langsam die Vorderbeine ein, bis sie sich ins frische Stroh legte, die karierte Decke noch über dem Rücken. Anselm rutschte vom Eimer und setzte sich neben sie ins Heu, lehnte den Rücken gegen die Boxenwand.

Das Stroh raschelte leise, wenn sich die Stute bewegte, und irgendwo im Dachgebälk gurrte einmal eine Taube im Schlaf. Anselm zog seinen Umhang enger um die Schultern und beobachtete, wie sich der Atem des Pferdes hob und senkte, gleichmässig jetzt, ohne das nervöse Zucken der Ohren von vorhin. Der Mond kam wieder hinter der Wolke hervor und liess einen blassen Streifen Licht durchs kleine Stallfenster fallen, genau auf die Stelle, wo Marzipans Kopf im Stroh lag.

Anselm dachte, dass er eigentlich zurück in sein Bett sollte, oben im Turmzimmer, wo es weicher war und wärmer. Aber der Gedanke wurde immer leiser, während seine Augenlider schwerer wurden, und der ruhige Atem neben ihm war wie ein zweites, langsames Uhrwerk, das den Takt vorgab. Er legte den Kopf gegen die raue Holzwand und schloss die Augen, während draussen die Wächterglocke ganz leise die Mitternachtsstunde schlug, kaum lauter als ein Flüstern.

Am nächsten Morgen fand der Stallmeister beide so: den jungen Ritter mit Stroh im Haar, tief und fest an die Seite der Stute gelehnt, und Marzipan, die zum ersten Mal seit dem Umzug ruhig und satt in ihrer neuen Box lag, als hätte sie nie woanders geschlafen.

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