Ritter Anselm und das leise Schwert

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Auf der Burg Steinfeld lebte ein junger Ritter namens Anselm, der höflicher war als jeder andere Ritter im ganzen Land. Er grüsste die Wachen mit einer kleinen Verbeugung, bedankte sich beim Koch für jede Mahlzeit und hatte vor allem eines: sehr empfindliche Ohren. Laute Geräusche mochte er gar nicht, und deshalb war er auch nicht besonders glücklich, als ihm der König an seinem Ehrentag ein eigenes Schwert überreichte.

Es war ein wunderschönes Schwert mit einem Griff aus dunklem Holz, doch es hatte einen Fehler: Bei jedem Schritt, den Anselm machte, schlug die Klinge gegen die metallene Schnalle seines Gürtels. Klirr. Klirr. Klirr. Schon nach wenigen Metern auf dem Burghof drehten sich alle Tauben erschrocken um, und aus dem Turm oben schaute eine schlaftrunkene Eule verärgert herunter.

„Entschuldigung“, flüsterte Anselm zu der Eule hinauf, aber das Schwert klirrte gleich noch einmal.

Am Abend, als die Burg zur Ruhe kommen sollte, schlich Anselm durch die Gänge, um noch einmal nach dem Rechten zu sehen, wie es die Aufgabe eines jungen Ritters war. Doch mit jedem seiner Schritte hallte das Klirren durch die steinernen Flure, und aus den kleinen Fenstern in den Türmen begannen die Burgeulen unruhig zu rufen.

Der alte Burgschmied, ein breitschultriger Mann mit rußigen Händen und einer ruhigen, tiefen Stimme, sass noch spät in seiner Werkstatt und sah, wie Anselm mit hochgezogenen Schultern und schuldbewusstem Blick vorbeikam.

„Du machst ja einen Lärm wie ein ganzes Ritterheer“, sagte er, aber er sagte es freundlich, ohne Anselm auszulachen.

„Ich will doch nur leise sein“, antwortete Anselm traurig und hielt das klirrende Schwert fest in beiden Händen, als könnte er es dadurch zum Schweigen bringen.

Der Schmied nickte langsam, stand auf und griff nach einem Stück weichem, dunklem Tuch von seinem Regal. „Ein Schwert muss nicht ständig sprechen“, sagte er. „Manchmal muss es auch schlafen können, so wie du.“ Er zeigte Anselm, wie man die Klinge sorgsam in das Tuch wickelte, Schicht um Schicht, bis kein Metall mehr an Metall stossen konnte, und wie man den Griff so am Gürtel befestigte, dass er beim Gehen nicht mehr schaukelte.

Bevor Anselm es ausprobierte, erzählte ihm der Schmied noch, dass er selbst als junger Mann genauso empfindliche Ohren gehabt hatte wie Anselm, und dass ihn das Hämmern in der Schmiede jahrelang gestört hatte, bis er lernte, seine Schläge leiser zu setzen, ohne dass die Klingen dadurch schwächer wurden. „Kraft und Lärm sind nicht dasselbe“, sagte er und klopfte Anselm freundlich auf die Schulter. „Das vergessen viele junge Ritter.“ Anselm nickte nachdenklich und betrachtete das eingewickelte Schwert in seinen Händen, das nun aussah wie ein schlafendes Tier, das man behutsam trug, statt wie eine Waffe. Er dankte dem Schmied mit einer kleinen Verbeugung, wie es seine Art war, und der alte Mann winkte lächelnd ab, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt, einem jungen Ritter beim Leisewerden zu helfen. Anselm probierte es vorsichtig aus. Ein Schritt. Kein Klirren. Noch ein Schritt. Wieder nichts als das leise Knarren seiner Stiefel auf dem Steinboden. Er lächelte zum ersten Mal an diesem Abend richtig.

„Jetzt übe noch das Gehen selbst“, sagte der Schmied und deutete auf den langen Gang hinaus zum Burghof. „Nicht mit den Füssen stampfen, sondern mit ihnen sprechen, ganz leise.“

Anselm übte. Erst auf den Zehenspitzen, dann mit vorsichtig abgerolltem Fuss, einen Gang entlang, dann einen zweiten. Bei jeder Runde wurde er ruhiger, und mit ihm wurde auch die Burg ruhiger. Als er am Fuss des Eulenturms vorbeikam, sah er hinauf: Die Eule, die vorhin noch so ärgerlich geschaut hatte, sass friedlich auf ihrem Ast und hatte die Augen schon halb geschlossen.

Auf dem Weg begegnete ihm noch der Wachhauptmann, der sonst immer mit schweren Stiefeln über den Hof polterte, doch heute blieb er stehen und schaute Anselm erstaunt hinterher, weil er ihn fast gar nicht hatte kommen hören. „Du wirst noch der leiseste Ritter, den diese Burg je hatte“, murmelte er anerkennend, und Anselm lächelte verlegen, aber sehr zufrieden, und ging weiter, Schritt für Schritt, genauso leise wie zuvor. Zufrieden ging Anselm die letzte Treppe zu seiner Kammer hinauf, lautlos wie ein Schatten. Er lehnte das eingewickelte Schwert sanft an die Wand neben sein Bett, so als würde er es zudecken, und setzte sich ans Fenster, von wo aus er über den stillen Burghof blicken konnte.

Keine einzige Eule rief mehr. Kein Klirren war zu hören, nur das ferne Plätschern des Burgbrunnens. Anselm streckte sich in seinem Bett aus, zog die Decke bis ans Kinn und dachte, dass er heute etwas viel Wichtigeres gelernt hatte als jeden Schwertkampf: wie man leise durch die Welt geht. Mit diesem Gedanken schlief er ein, ruhig und zufrieden wie schon lange nicht mehr, während draussen vor seinem Fenster der Mond langsam über die stillen Türme der Burg Steinfeld wanderte.

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