Tief im Urwald, dort wo die Farne so hoch wuchsen wie kleine Bäume, lebte eine junge Langhals-Dinosaurierin namens Tula. Sie war neugierig wie kaum ein anderes Tier im Wald, und jeden Abend, kurz bevor die Grillen zu zirpen begannen, hörte sie ein leises, gleichmässiges Rauschen, das irgendwo zwischen den Bäumen versteckt sein musste. Doch egal, wie oft sie danach suchte, sie fand es nie.
„Da ist es wieder", murmelte Tula an diesem Abend und hob ihren langen Hals, um besser lauschen zu können. Das Rauschen kam und ging, mal lauter, mal leiser, je nachdem, wohin der Abendwind die Blätter wehte.
Neben ihr, auf einem dicken Ast, sass Gorm, ein alter Flugsaurier mit grauen, ledrigen Flügeln, der schon so viele Jahre über dem Wald gekreist war, dass er fast jeden Winkel kannte. „Das ist der versteckte Wasserfall", sagte er, ohne die Augen zu öffnen. „Ich habe ihn oft von oben gesehen, aber von unten findet ihn kaum jemand."
„Kannst du mir den Weg zeigen?", fragte Tula sofort, und ihre Stimme klang so aufgeregt, dass Gorm ein Auge doch noch öffnete.
„Heute Abend, ja", sagte er. „Aber wir gehen langsam. Das Rauschen läuft uns nicht davon."
Sie machten sich auf den Weg, Gorm segelte tief über Tulas Kopf, während sie sich vorsichtig zwischen den riesigen Farnwedeln hindurchschob. Der Waldboden roch nach feuchtem Moos und nassen Blättern, und über ihnen schimmerten die erste Sterne durch das dichte Blätterdach. An einer Stelle blieb Tula stehen, weil sie ein Glitzern zwischen den Pflanzen bemerkte.
„Was ist das?", fragte sie und schnupperte vorsichtig.
„Leuchtmoos", erklärte Gorm von oben. „Es glüht nur nachts, wenn es ganz still ist." Er erzählte ihr, dass die jungen Flugsaurier früher, als er selbst noch klein gewesen war, das Moos immer als kleine Wegweiser benutzt hatten, wenn sie sich im Dunkeln verirrten, weil es an denselben Stellen im Wald immer wieder nachwuchs. Tula fand das beruhigend zu wissen, dass selbst der Wald sich an manchen Abenden ein bisschen Licht zum Nachhausefinden schenkte.
Tula berührte es vorsichtig mit der Nase, und ein sanftes grünliches Licht huschte über ihre Schnauze. Sie musste lachen, ein leises, gluckerndes Dinosauriergeräusch, und ging weiter, immer dem Rauschen entgegen, das mit jedem Schritt lauter wurde.
Unterwegs kamen sie an einem umgestürzten Baumstamm vorbei, auf dem kleine, phosphoreszierende Pilze in einer langen Reihe wuchsen, als hätte jemand absichtlich eine Lichterkette daraus gemacht. Tula blieb stehen, um sie zu bestaunen, und Gorm erzählte ihr, dass diese Pilze nur an den Stellen wuchsen, an denen ein alter Baum in Ruhe umgefallen war, ohne dass jemand ihn gefällt hatte. „Auch das Ende von etwas kann leuchten", sagte er, mehr zu sich selbst als zu ihr, und Tula fand das einen schönen Gedanken, auch wenn sie ihn nicht ganz verstand. Ein Stück weiter überquerten sie einen kleinen Bach auf glatten, runden Steinen, und Tula musste vorsichtig balancieren, damit ihr langer Schwanz nicht ins Wasser platschte. Gorm flog derweil gemächlich Kreise über ihr, immer wieder kleine Hinweise rufend, welcher Stein als Nächstes am festesten stand. Als das Rauschen des Wasserfalls schliesslich so laut wurde, dass es fast alle anderen Geräusche des Waldes übertönte, spürte Tula ein Kribbeln der Vorfreude in ihrem langen Hals. Nach einer Weile teilten sich die Farne wie ein Vorhang, und vor Tula lag eine kleine, von moosbedeckten Felsen umgebene Lichtung. In ihrer Mitte fiel Wasser aus einer Felsspalte herab, nicht wild und tosend, sondern in einem gleichmässigen, sanften Vorhang, der im Mondlicht silbern glänzte. Am Fuss des Wasserfalls sammelte sich ein kleiner, klarer Teich, in dem winzige Lichtpunkte hin und her schwammen.
„Leuchtfische", sagte Gorm und liess sich auf einem Felsen nieder. „Sie kommen nur an ruhigen Abenden heraus."
Tula watete vorsichtig ans Ufer und beugte ihren langen Hals hinunter, um zu trinken. Das Wasser war kühl und schmeckte nach Stein und Regen. Die kleinen Fische schwammen neugierig um ihre Nasenspitze herum, ohne sich zu erschrecken, als hätten sie schon oft Besuch von grossen, sanften Tieren gehabt.
Sie wusch sich die staubigen Pfoten im flachen Teil des Teichs, spritzte dabei ein wenig Wasser hoch, das im Mondlicht wie kleine Sterne funkelte, bevor es wieder in den Teich zurückfiel. Gorm beobachtete sie von seinem Felsen aus, die Flügel eng an den Körper gelegt, ganz entspannt.
„Jetzt weisst du, wo das Rauschen herkommt", sagte er schliesslich.
„Jetzt weiss ich es", antwortete Tula leise und liess sich neben dem Teich ins weiche, warme Moos sinken. Ihr langer Hals ruhte auf einem runden Stein, während das Wasser weiter gleichmässig über die Felsen rieselte, ein Geräusch, das plötzlich gar nicht mehr geheimnisvoll klang, sondern einfach nur beruhigend.
Die Leuchtfische zogen langsame Kreise im Teich, das Leuchtmoos schimmerte am Ufer, und Gorm faltete seine Flügel endgültig zusammen, um selbst zu dösen. Tula schloss die Augen, hörte dem Wasserfall zu, wie er sein leises Lied weitersang, und schlief ein, zum ersten Mal genau dort, wo sie das Geheimnis so lange gesucht hatte.

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