Prinzessin Rosalind und der schlafende Garten

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Hinter dem grossen Schloss aus rotem Stein lag ein Garten, den kein Gärtner der Welt hätte pflegen können, denn dieser Garten war anders als alle anderen. Seine Blumen konnten sprechen, wenn auch nur ganz leise, und sie konnten nicht von selbst einschlafen. Jeden Abend, kurz bevor der Mond aufging, musste Prinzessin Rosalind hinausgehen und ihnen ein Schlaflied singen. Tat sie das nicht, blieben die Blumen die ganze Nacht wach, und am nächsten Morgen hingen ihre Köpfe müde und traurig herab.

Rosalind war keine Prinzessin, die den ganzen Tag auf einem Thron sass. Sie trug meistens ein einfaches grünes Kleid, hatte Erde unter den Fingernägeln und kannte jede einzelne Blume beim Namen. Heute Abend, als sie durch das kleine Holztor in den Garten trat, entdeckte sie an der Mauer etwas Neues: eine kleine blaue Blüte, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Sie war so jung, dass ihre Blätter noch ganz zerknittert waren, wie frisch aus der Erde geboren.

„Wer bist du denn?", fragte Rosalind und kniete sich neben die Blüte ins weiche Moos.

„Ich weiss es nicht", flüsterte die kleine Blume mit einer Stimme so dünn wie ein Spinnfaden. „Ich bin heute Nacht zum ersten Mal aufgewacht, und ich kenne das Lied nicht, das alle anderen singen."

Rosalind lächelte und strich vorsichtig über ein Blütenblatt. Ringsum, an den Rosenbüschen und zwischen den Farnen, hörte sie schon das vertraute Rascheln der anderen Blumen, die sich zur Nachtruhe bereitmachten, sobald ihr Schlaflied begann. Sie begann leise zu summen, eine einfache Melodie ohne viele Worte, die sich anhörte wie Wind, der durch hohe Gräser streicht.

Ein kleiner Nachtfalter, der gerade erst aus seinem Kokon geschlüpft war, setzte sich neben Rosalind auf einen Stein und lauschte ebenfalls, die Flügel noch ganz zerknittert vom Schlüpfen. Rosalind nickte ihm freundlich zu, ohne ihren Gesang zu unterbrechen, denn im Garten war jeder willkommen, der Ruhe suchte, ob er nun Wurzeln hatte oder Flügel. Die grossen Sonnenblumen am Zaun neigten als Erste ihre Köpfe. Die Rosen falteten Blütenblatt um Blütenblatt zusammen, so sanft, als würden sie die Augen schliessen. Rosalind ging langsam weiter durch den Garten, setzte sich mal hier, mal dort ins Gras, und überall, wo sie sang, wurde es ruhiger.

Die kleine blaue Blume an der Mauer aber blieb wach und beobachtete alles mit weit geöffneten Blütenblättern. „Ich verstehe die Worte noch nicht", sagte sie leise, als Rosalind zu ihr zurückkam.

„Dann brauchst du sie auch nicht zu verstehen", antwortete Rosalind. „Du musst nur zuhören." Sie setzte sich direkt neben die kleine Blüte, so nah, dass ihr Atem die zarten Blätter kaum bewegte, und sang das Lied noch einmal, diesmal ganz für sie allein, langsamer als zuvor, mit vielen kleinen Pausen dazwischen.

Während sie sang, erinnerte sich Rosalind an ihren eigenen ersten Abend im Garten, vor vielen Jahren, als sie selbst noch kaum grösser gewesen war als die Rosenbüsche und das Schlaflied genauso wenig gekannt hatte wie die kleine blaue Blume jetzt. Damals war es ihre Mutter gewesen, die neben ihr im Gras gesessen und ihr die Melodie vorgesummt hatte, Strophe für Strophe, bis Rosalind sie im Schlaf hätte singen können. Sie strich der kleinen Blume sanft über ein Blatt und dachte, dass es schön war, dieses Wissen nun selbst weiterzugeben, so wie man eine warme Decke von einer Schulter auf die nächste legt. Ein leiser Wind kam auf und trug den Duft von Lavendel und feuchter Erde durch den Garten, während die letzten wachen Grillen im hohen Gras noch ein Weilchen zirpten, bevor auch sie verstummten. Nach der dritten Strophe begannen sich die Blütenblätter der kleinen Blume zum ersten Mal ein Stück zu senken. Nach der vierten schloss sie sich fast vollständig, nur ein winziger Spalt blieb offen, aus dem ein letztes, zufriedenes Seufzen kam.

„Danke", murmelte die kleine Blume, kaum noch zu hören. „Jetzt kenne ich das Lied auch." Der Nachtfalter neben ihr faltete seine Flügel zusammen und setzte sich still auf einen benachbarten Stein, als wollte auch er die kleine Blume ein Stück beschützen, bis der Morgen kam.

Rosalind blieb noch eine Weile sitzen, den Rücken an die warme Mauer gelehnt, und schaute über den Garten, der nun ganz still dalag. Kein Blatt raschelte mehr, kein Blütenkopf wiegte sich im Wind. Nur der Mond schien silbern auf all die geschlossenen Blüten, als würde er selbst über sie wachen.

Rosalind spürte, wie auch ihre eigenen Augenlider schwer wurden. Sie zog ihr grünes Umhangtuch enger um die Schultern, legte sich vorsichtig ins weiche Gras zwischen den schlafenden Blumen und schaute noch einmal hinauf zu den Sternen, die langsam am Himmel erschienen.

„Gute Nacht, kleiner Garten", flüsterte sie, kaum lauter als die Blumen selbst.

Dann schlief auch sie ein, mitten unter den Blüten, die sie jeden Abend in den Schlaf sang, und niemand im ganzen Schloss wusste einen ruhigeren Ort als diesen.

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