Schneiderin Fenja und der Mantel aus Nebel

9 Minuten Vorlesezeit

Im Märchenwald, wo die Bäume so hoch waren, dass ihre Wipfel im Nebel verschwanden, wohnte Fenja, die kleinste Schneiderin der Welt. Ihr Häuschen war nicht grösser als ein Backofen, und ihre Nadel nicht länger als ein Grashalm. Trotzdem kamen alle Waldbewohner zu ihr, wenn etwas genäht werden musste: der Igel für eine neue Weste, die Eichhörnchen für ihre Hängematten, die Eule für einen Schal.

Eigentlich hatte sie nur noch eine Tasse Hagebuttentee trinken und dem Igel den letzten Knopf an die neue Weste nähen wollen.

An diesem Abend klopfte es an ihr Fenster, und zwar so sanft, dass sie es fast überhört hätte. Draussen stand niemand. Nur ein kalter Hauch fuhr durch die Ritzen.

„Ich bin es“, sagte eine leise Stimme. „Der Wind. Mir ist kalt.“

Fenja öffnete das Fenster einen Spalt. Der Wind kam herein, dünn und durchsichtig wie ein Schleier, und zitterte.

„Ich bin den ganzen Tag durch den Wald geblasen“, sagte er. „Jetzt will ich ausruhen, aber ich friere. Ich brauche einen Mantel. Kannst du mir einen nähen?“

Fenja musste nicht lange nachdenken. Ein Mantel für den Wind, das hatte sie noch nie genäht, aber nein sagte sie nie. Sie holte ihr Massband, aber es glitt einfach durch ihn hindurch. Sie suchte ihren besten Stoff, doch jeder Stoff, den sie ihm hinhielt, wurde vom Wind aufgewirbelt und flog davon.

Sie versuchte es mit Pusteblumen, aber die stoben auseinander wie Schnee. Sie versuchte es mit einer Wolke, aber die Wolke war zu hoch und die Leiter zu kurz. Der Wind sah ihr dabei zu und zitterte immer mehr.

„Es muss etwas sein, das genauso leicht ist wie du“, murmelte sie. Ihr Blick fiel aus dem Fenster auf den Wald, in dem der Nebel zwischen den Stämmen hing. „Nebel“, sagte sie. „Das könnte klappen.“

Sie ging hinaus, mit Schere und Nadel, und begann, den Nebel zu schneiden. Das war schwierig. Er zerfiel ihr unter den Fingern, wurde zu Dampf, löste sich in Nichts auf. Sie versuchte es noch einmal, und noch einmal, und beim dritten Mal gelang ihr ein Stück, so gross wie ein Taschentuch, das sich einigermassen hielt.

Dann kam das nächste Problem. Sie fädelte einen Faden ein und stach in den Nebel, aber der Faden riss. Sie nahm einen dickeren, und er riss wieder. Selbst der feinste Seidenfaden war viel zu grob für etwas, das aus Luft und Wasser bestand.

Fenja setzte sich ins Moos und seufzte. Dazu rutschte ihr die Nadel aus den Fingern und fiel ins Gras, und sie sah sie nirgends mehr.

„Hilf mir“, sagte sie leise zu niemandem, einfach in den Wald hinein.

Da raschelte es im Farn. Eine kleine Spinne kam hervor, mit acht dünnen Beinen und einem Fädchen hinter sich, das im Mondlicht glänzte.

„Ich habe deine Nadel gesehen“, sagte die Spinne und hielt sie ihr hin. „Ich habe auch gehört, was du brauchst. Faden aus Tau kann ich spinnen. Er ist leicht, aber er hält.“

Fenja riss die Augen auf. Die Spinne kletterte auf einen Grashalm, auf dem Tautropfen wie kleine Perlen hingen, und begann zu spinnen. Sie zog die Tropfen zu einem langen, silbernen Faden, und der Faden war so fein, dass man ihn kaum sah, und doch so stark wie ein Seil.

„Und was bekomme ich dafür?“, fragte die Spinne und lächelte schelmisch. „Ich möchte ein warmes Plätzchen in deinem Regal, wo es nicht zieht.“

„Das hast du“, sagte Fenja sofort.

„Probier es aus“, sagte die Spinne. „Ich heisse übrigens Tilda.“

Fenja fädelte ihn ein und stach in den Nebel. Der Faden hielt. Sie nähte Stich für Stich, im Mondlicht, und die Naht schimmerte wie eine Perlenkette. Der Wind kam näher und sah ihr zu, ganz still. Sie nähte einen Kragen, zwei weite Ärmel, einen langen, wehenden Saum, und die Spinne spann immer neue Fäden nach.

Beim Nähen erzählte der Wind, wo er heute überall gewesen war: auf dem Meer, wo er die Segel eines Fischerbootes gebläht hatte, auf dem Berg, wo er den Schnee von einem Gipfel gefegt hatte, und über der Wiese, wo er einem Kind die Mütze vom Kopf geholt hatte. „Das war ein Spass“, sagte er. „Doch abends wird es kalt, wenn man nirgends hingehört.“ Fenja nickte und nähte weiter.

Die Eule, die zufällig vorbeiflog, blieb auf dem Fensterbrett sitzen und hielt ihr eine Laterne aus Glühwürmchenlicht, damit sie die feinen Stiche sehen konnte.

Gerade als der Saum fast fertig war, musste der Wind niesen. Hatschi! Der Mantel flatterte Fenja aus den Händen, glitt durch das offene Fenster und segelte in den Wald hinaus. Fenja rannte hinterher, die Spinne hielt sich an ihrer Schulter fest. Der Mantel hüpfte über Farne, streifte einen Pilz und hing schliesslich hoch oben in einer Tanne, wo ihn niemand erreichen konnte, schon gar nicht die kleinste Schneiderin der Welt.

„Ich hole ihn“, rief ein Eichhörnchen aus seiner Hängematte und huschte den Stamm hinauf, schneller als man schauen konnte. Es löste den Saum vorsichtig vom Ast und liess den Mantel an einem Faden herabgleiten, genau in Fenjas ausgestreckte Arme. Es war kein Riss darin, nicht einmal ein Fleck.

„Entschuldigung“, flüsterte der Wind und wurde ganz klein vor Verlegenheit. „Ich wollte nicht.“

„Schon gut“, sagte Fenja und lachte. „Dann bleib einfach still, solange ich nähe.“

Sie trug den Mantel zurück in die Stube und nähte am Fenster die letzten Stiche, und diesmal hielt der Wind den Atem an.

Als Fenja den letzten Stich getan hatte, hielt sie den Mantel hoch. Er sah aus wie ein Stück Mondlicht, so leicht, dass er fast von selbst in der Luft schwebte.

„Probier ihn an“, sagte Fenja.

Der Wind schlüpfte hinein. Der Mantel legte sich um ihn, weich und warm, und der Wind seufzte tief. Er hörte auf zu zittern.

Er drehte sich einmal im Kreis, um den Saum wehen zu sehen, und der Mantel schwang weit und doch ohne einen Laut. Fenja steckte ihm zum Schluss noch einen Knopf aus Tau an den Kragen, damit der Mantel auch bei Sturm nicht aufging.

„So warm war mir noch nie“, flüsterte er. „Danke, Fenja. Danke, Spinne.“

Das Eichhörnchen, die Eule und der Igel hatten sich am Fenster versammelt und sahen dem Wind zu. Das Eichhörnchen winkte mit dem Schwanz, die Eule blinzelte, und der Igel gähnte so herzhaft, dass seine Stacheln wackelten.

Er schwebte langsam aus dem Fenster und zog durch den Wald, nicht mehr wild und kalt, sondern leise und gleichmässig. Die Blätter der Bäume wiegten sich im Takt, die Farne neigten sich, und die Eichhörnchen in ihren Hängematten schaukelten sanft vor und zurück. Alle im Wald schliefen ein, einer nach dem anderen.

Die Spinne kletterte von Fenjas Schulter auf das Regal, prüfte die Ecke zwischen den Garnrollen und fand sie gut. „Hier zieht es wirklich nicht“, sagte sie zufrieden.

Aus dem Rest des Nebels hatte Fenja noch ein schmales Band genäht, das sie dem Eichhörnchen vor die Tür hängte. Es würde es am Morgen finden und sich wundern, und Fenja gefiel der Gedanke.

Fenja stand an ihrem Fenster und sah ihm nach. Die Spinne hatte sich in einer Ecke ihres Regals eingerichtet und spann schon an einem kleinen Netz. Fenja gähnte, legte ihre Nadel in die Nadelkissenschachtel und kroch in ihr Bett. Draussen sang der Wind ein leises, langes Lied im Nebelmantel, und sie hörte nur noch den ersten Teil davon.

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