Ganz am Rand der Klippe, dort wo das Land aufhört und das Meer anfängt, stand ein schmaler weisser Leuchtturm. Darin wohnten Mimba, eine kleine Seehundin mit grauen Flecken auf dem Rücken, und ihr Grossvater, der schon so lange am Meer lebte, dass seine Barthaare ganz weiss geworden waren. Jeden Abend, wenn die Sonne im Wasser verschwand, stiegen die beiden die knarrende Wendeltreppe hinauf, um das grosse Licht anzuzünden.
„Ohne unser Licht finden die Boote den Weg nicht nach Hause, Mimba", sagte der Grossvater immer, während er die Lampe putzte. Mimba nickte jedes Mal ernst, auch wenn sie die Sätze längst auswendig kannte.
Heute aber war alles anders. Als sie oben ankamen, hing ein dichter grauer Nebel über dem Meer, so dick, dass Mimba nicht einmal die Wellen unten an den Felsen sehen konnte. Der Grossvater zündete das Licht an, wie jeden Abend, doch der Lichtstrahl verschwand schon nach wenigen Metern im Nebel, als hätte ihn jemand mit einem grauen Tuch zugedeckt.
„Das reicht nicht", flüsterte Mimba und drückte ihre Nase gegen die kalte Fensterscheibe. „Die Boote sehen uns heute nicht."
Der Grossvater setzte sich neben sie auf die Fensterbank und dachte eine Weile nach, den Blick auf das graue Nichts gerichtet. Dann lächelte er sein altes, faltiges Lächeln. „Weisst du noch, was die Klippenkäfer können?", fragte er.
Mimba wusste es. Unten an den Felsen, zwischen Moos und Salzgras, lebten die kleinen Leuchtkäfer der Klippe. Sie glühten sonst nur für sich, ganz leise, wenn niemand hinschaute. Mimba rutschte die Wendeltreppe fast hinunter, so schnell watschelte sie, öffnete die schwere Holztür und rief in die neblige Nacht hinein, so laut sie konnte, ohne dabei zu bellen: „Braucht ihr uns heute Nacht? Der Turm braucht euch!"
Erst passierte nichts. Nur das leise Tropfen des Nebels von den Grashalmen war zu hören. Dann, nach und nach, erschien ein erstes winziges grünes Glühen zwischen den Steinen. Ein zweites. Ein drittes. Bald krabbelten Dutzende kleiner Käfer aus ihren Verstecken und flogen in einer langsamen, glitzernden Wolke die Klippe hinauf, direkt zum Fenster des Leuchtturms.
Mimba lachte leise vor Freude und führte sie die Treppe hinauf. Oben angekommen, setzten sich die Käfer rings um das grosse Licht, auf das Fensterbrett, auf die alten Holzbalken, sogar auf Mimbas Rücken. Ihr grünes Glühen mischte sich mit dem gelben Licht des Turms, und plötzlich war der Lichtstrahl nicht mehr nur ein einzelner Strahl, sondern ein warmer, weicher Schein, der sich wie eine Decke über das Wasser legte.
Bevor die Käfer kamen, hatte Mimba schon einmal gedacht, sie müsse ganz allein etwas tun, um den Nebel zu vertreiben, und war beinahe losgeschwommen, um selbst nach den Booten zu suchen. Der Grossvater hatte sie sanft am Flossenrand festgehalten. „Man muss nicht alles allein schaffen, kleine Wächterin", hatte er gesagt. „Manchmal reicht es, laut genug zu fragen, wer helfen möchte." Jetzt, mit den Käfern rings um sie herum, verstand Mimba, was er gemeint hatte. Sie beobachtete, wie sich das grüne Glühen mit dem gelben Licht der Lampe zu einer warmen, honigfarbenen Wolke vermischte, die sich träge über das Wasser legte, und wie manche Käfer sich sogar an den Fensterrahmen setzten, als wollten sie von dort aus besser sehen können, ob ihre Hilfe auch wirklich ankam. Der Grossvater erzählte ihr leise, während sie warteten, dass schon sein eigener Grossvater vor vielen, vielen Jahren dieselben Käfer gerufen hatte, in einer Nacht, die noch neblischer gewesen war als diese. „Der Turm und die Klippe gehören zusammen, seit es hier Licht gibt", murmelte er, und Mimba drückte sich enger an sein warmes Fell, während draussen der Nebel Stück für Stück dünner wurde.
Der Grossvater öffnete das Fenster einen Spalt, und durch den dünner werdenden Nebel konnte Mimba tatsächlich ein kleines Licht auf dem Wasser erkennen. Ein Boot. Dann ein zweites. Sie fuhren langsam, aber sicher, geradewegs auf den Turm zu, so als hätten sie den ganzen Abend nur auf dieses eine warme Glühen gewartet.
„Sie kommen heim", sagte der Grossvater leise und legte seine Pfote auf Mimbas Kopf.
Die beiden setzten sich auf die oberste Treppenstufe, dort, wo man durch die runde Turmluke direkt aufs Meer hinaussehen konnte. Die Käfer glühten sanft weiter um sie herum, immer schwächer, immer ruhiger, so wie eine Kerze, die langsam herunterbrennt. Unten auf dem Wasser zog ein Licht nach dem anderen vorbei, ganz still, ganz sicher.
Mimba gähnte, lehnte sich an die warme Schulter ihres Grossvaters und beobachtete, wie das letzte Boot am Horizont im Hafen verschwand. Der Nebel wurde dünner und dünner, bis nur noch ein feiner Schleier über dem Meer lag, durch den die ersten Sterne blinzelten.
„Gute Nacht, kleine Wächterin", murmelte der Grossvater, während er die Lampe für die letzte Runde der Nacht auf ihr sanftestes Licht stellte.
Mimba antwortete nicht mehr. Sie war schon eingeschlafen, mit dem leisen Rauschen des Meeres in den Ohren und einem letzten kleinen Leuchtkäfer, der friedlich auf ihrer Pfote sass.

Jeden Sonntag die schönsten Geschichten der Woche
Trag dich ein und bekomm jeden Sonntag eine kurze Post von uns, mit den Geschichten, die diese Woche am besten ankamen. Als Willkommensgeschenk gibt es gratis Ausmalseiten und das erste Kapitel eines Schlummerpiraten-Buchs.
Ähnliche Gute-Nacht-Geschichten
5 Min. VorlesezeitEichhörnchen Rufus und der geteilte Wintervorrat
Eichhörnchen Rufus teilt seine gesammelten Nüsse mit dem zu langsamen Dachs Gustav und bekommt dafür ein warmes Moosnest gezeigt, in dem er zufrieden einschläft.
5 Min. VorlesezeitDie kleine Qualle Perlina lernt leuchten
Die Qualle Perlina begleitet das Schildkrötenbaby Tomke durch die dunkle Nachtbucht und beginnt dabei, ganz ruhig geworden, selbst zum ersten Mal sanft zu schimmern.
4 Min. VorlesezeitOma Erna und Opa Wilhelm auf Weltreise - eine liebevolle Einschlafgeschichte für Kinder
Begleite Oma Erna und Opa Wilhelm auf ihrer großen Reise um die Welt. Diese liebevolle Einschlafgeschichte nimmt Kinder mit auf eine wunderbare Reise zu Elefanten, Pandas und Kängurus. Perfekt für eine ruhige, geborgene Gute-Nacht-Zeit voller schöner Träume im eigenen Bettchen.
4 Min. VorlesezeitHugo der Seehund und der geheimnisvolle Tangwald - eine nasse Gute-Nacht-Geschichte
Tauche ein in das magische Unterwasserabenteuer von Hugo dem kleinen Seehund! Diese wunderschöne Erzählung führt Kinder durch einen leuchtenden Zauberwald im Meer und ist somit eine nasse Gute-Nacht-Geschichte, die perfekt zum Träumen einlädt. Ein Abenteuer voller Hilfsbereitschaft, das sanft in den Schlaf begleitet.
4 Min. VorlesezeitDas Meereswettrennen - eine tolle Gute-Nacht-Geschichte
Erlebe „Das Meereswettrennen“, eine tolle Gute-Nacht-Geschichte für Kinder von 4 bis 8 Jahren. Begleite einen mutigen Schwertfisch, einen sanften Hai und ihre Freunde auf einem spannenden Abenteuer durch den Ozean. Gemeinsam überwinden sie Hindernisse und lernen, dass echter Zusammenhalt viel wichtiger ist als der Sieg. Ideal zum Träumen!
5 Min. VorlesezeitUnser altes Haus - eine emotionale Gute-Nacht-Geschichte
Begleite den kleinen Noah und seinen Papa auf eine emotionale Gute-Nacht-Geschichte durch ein altes, geheimnisvolles Haus voller Erinnerungen. Diese herzliche Erzählung weckt Kindheitsträume und zeigt, wie viel Liebe in vergessenen Räumen steckt. Eine berührende Reise für Kinder, die zeigt, dass jedes Zuhause eine eigene Seele besitzt.
