Kapitän Pemberton war der freundlichste Pirat, den die sieben Meere je gesehen hatten. Er stolperte gern über sein eigenes Entermesser, verwechselte manchmal Backbord mit Steuerbord und entschuldigte sich sogar bei den Möwen, wenn er sie beim Landeanflug störte. An seiner Seite segelte immer Matti, sein Schiffsjunge, der viel jünger war, aber manchmal ein besseres Gedächtnis für alte Regeln hatte als der Kapitän selbst.
An diesem Abend sollte ihr kleines Holzschiff, die Traumfänger, zur Schlummerinsel segeln, wo laut der Seekarte die ruhigsten Nächte des ganzen Ozeans zu finden waren. Doch als sie die Segel setzten, geschah nichts. Kein Lüftchen wehte. Das Meer lag da wie ein riesiger, dunkler Spiegel, glatt und reglos, so weit das Auge reichte.
„Kein Wind, kein Wind, wie sollen wir da vorankommen", seufzte Kapitän Pemberton und liess sich auf eine Kiste am Deck sinken, den Dreispitz tief in die Stirn gezogen.
Matti stand am Bug und dachte nach, die Stirn in Falten gelegt. „Ich erinnere mich an etwas", sagte er schliesslich. „Mein Grossvater hat immer gesagt: Wenn die Nacht ganz still ist, dann wartet sie darauf, dass man ihr ein Geheimnis erzählt. Erst dann schickt sie einem eine Brise."
Pemberton hob eine buschige Augenbraue. „Ein Geheimnis? So einfach?"
„So einfach", bestätigte Matti und setzte sich neben ihn auf die Reling, die Beine baumelnd über dem stillen Wasser.
Der Kapitän überlegte lange, rieb sich den Bart, und schliesslich beugte er sich vor, so als würde er wirklich mit der Dunkelheit sprechen. „Also gut", flüsterte er. „Mein Geheimnis ist: Ich habe als junger Matrose einmal den Kompass verkehrt herum gehalten und wir sind drei Tage lang im Kreis gesegelt, ohne es zu merken."
Er wartete. Nichts geschah. Kein Windhauch regte sich.
„Jetzt du", sagte er zu Matti.
Matti dachte kurz nach, dann flüsterte auch er der Dunkelheit zu: „Mein Geheimnis ist, dass ich manchmal, wenn niemand hinschaut, mit den Möwen rede, weil ich denke, sie verstehen mich besser als die meisten Erwachsenen."
Pemberton rutschte auf seiner Kiste ein Stück näher zu Matti heran und kratzte sich nachdenklich am Kinn. „Weisst du, mein Grossvater hat mir auch mal gesagt, dass das Meer am liebsten den Geheimnissen zuhört, die man sich noch nie laut erzählt hat", murmelte er. „Vielleicht müssen wir uns noch ein bisschen mehr trauen." Er überlegte einen Moment länger, dann fügte er leiser hinzu: „Manchmal habe ich auch ein bisschen Angst, ein schlechter Kapitän zu sein, weil ich so viel stolpere." Matti drückte kurz seine Hand und sagte nichts, aber genau das schien zu reichen. Wieder Stille. Doch dann, ganz sacht, spürte Matti ein leises Kitzeln an der Wange. Ein Hauch, kaum mehr als ein Atemzug, strich über das Deck und liess das oberste Segel ganz leicht flattern.
„Da!", rief Pemberton leise, so leise, wie ein Pirat eben rufen kann, wenn er niemanden wecken will. „Die Nacht hat zugehört!"
Die Brise wurde nicht stärker, blieb sanft und gleichmässig, gerade stark genug, um die Traumfänger langsam vorwärtszuschieben. Das Schiff glitt beinahe lautlos über das spiegelglatte Wasser, nur ein feines Kräuseln blieb hinter ihnen zurück, das sich im Mondlicht wie ein silberner Faden über das Meer zog.
Matti legte sich mit dem Rücken aufs Deck und schaute hinauf zu den Segeln, die sich sacht bauschten. Pemberton setzte sich neben ihn, den Dreispitz jetzt neben sich abgelegt, und beide schwiegen eine Weile, während das Schiff gemächlich weiterzog.
Ein einsamer Nachtvogel zog über das Schiff hinweg, so leise, dass nur ein kurzer Schatten über die Sterne huschte, und Matti zeigte mit dem Finger nach oben, ohne ein Wort zu sagen, nur damit Pemberton ihn auch sehen konnte. Der Kapitän nickte zufrieden und liess seinen Blick über das ruhige Wasser wandern, das sich kaum merklich kräuselte, während die Traumfänger gemächlich weiterglitt. Nach einer Weile tauchte am Horizont ein dunkler, runder Schatten auf, umgeben von einem schmalen Sandstrand, der im Mondlicht silbrig glänzte: die Schlummerinsel. Pemberton liess den Anker vorsichtig hinab, ohne einen einzigen lauten Ruck, und das Schiff kam sanft zur Ruhe, nur wenige Ruderlängen vom Ufer entfernt.
„Wir haben es geschafft", murmelte Matti und gähnte herzhaft.
„Dank deines Grossvaters", ergänzte Pemberton und deckte den Jungen mit einer alten, weichen Segeltuchdecke zu, bevor er selbst seinen Dreispitz als kleines Kissen unter den Kopf schob und sich zufrieden zurücklehnte.
Beide legten sich aufs Deck, Seite an Seite, die Segeltuchdecke über beiden ausgebreitet, und schauten hinauf zu den unzähligen Sternen, die sich in der stillen See spiegelten. Kein Wellenschlag, kein Möwenschrei war mehr zu hören, nur das leise Knarren des Holzes und der gleichmässige Atem der schlafenden Brise, die sich zwischen den Segeln wie ein müdes Tier zur Ruhe gelegt hatte. Kapitän Pemberton schloss als Erster die Augen, kurz darauf folgte ihm Matti, und die Traumfänger schaukelte ruhig vor Anker, bis der Morgen kam.

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