Jeden Abend nach dem Essen ging Nele mit ihrem Hund Hugo noch eine kleine Runde um den Block, vorbei am Zaun der alten Gärtnerei, wo im Sommer die Kürbisse wuchsen, und weiter bis zum grossen Karottenfeld am Waldrand. Hugo war ein ruhiger, brauner Hund mit hängenden Ohren, der lieber schnüffelte als bellte, und genau das tat er auch an diesem Abend, als er plötzlich mitten auf dem Feldweg stehen blieb.
„Was hast du gefunden?", fragte Nele und kniete sich neben ihn.
Zwischen zwei Karottenreihen sass ein kleines Häschen mit grauem Fell, das bei jedem Atemzug leicht zusammenzuckte. „Hicks", machte es, und dann noch einmal, „hicks", so als würde etwas in seinem Bauch ganz von allein hüpfen wollen.
„Du hast Schluckauf", stellte Nele fest und musste ein bisschen lächeln, auch wenn das kleine Häschen gar nicht lustig dreinschaute.
„Ich kann nicht einschlafen deswegen", piepste das Häschen, das sich Pflaum nannte, weil sein Fell an manchen Stellen leicht bläulich schimmerte wie eine reife Pflaume. „Ich war heute so aufgeregt, weil ich zum ersten Mal ganz allein bis zum grossen Karottenfeld gehüpft bin, und jetzt will der Schluckauf einfach nicht aufhören."
Hugo schnupperte vorsichtig an Pflaums Fell, dann setzte er sich neben das kleine Häschen und begann, ganz tief und gleichmässig zu atmen, ein, aus, ein, aus, so laut, dass Pflaum es gut hören konnte.
„Mach das nach", sagte Nele leise. „Hugo macht das manchmal, wenn er zu aufgeregt vom Spielen ist."
Pflaum versuchte es, atmete tief ein, dann lang aus, doch mitten in der Übung kam wieder ein „Hicks" dazwischen, und das Häschen hoppelte enttäuscht ein Stück zurück.
„Nicht so schlimm", sagte Nele geduldig und setzte sich im Gras zurecht, sodass sie dem kleinen Häschen genau in die Augen schauen konnte. „Wir probieren was anderes." Sie führte Pflaum zu einer kleinen Pfütze am Wegrand, die sich mit dem Abendregen gefüllt hatte. „Trink ein paar kleine Schlucke, ganz langsam."
Während Pflaum sich der Pfütze näherte, erzählte Nele ihm leise, dass Hugo früher, als er noch ein ganz junger Welpe gewesen war, auch oft vor lauter Aufregung Schluckauf bekommen hatte, wenn ihn jemand zum ersten Mal auf eine grosse Wiese mitgenommen hatte. „Das geht wieder vorbei, das weiss ich ganz sicher", sagte sie und strich dem Häschen sanft über die Ohren, die vor Anspannung noch ein wenig zitterten. Pflaum schaute sie mit grossen Augen an und schien sich davon ein kleines bisschen zu beruhigen, auch wenn der nächste Hicks nicht lange auf sich warten liess. Das Häschen beugte sich vorsichtig hinunter und schleckte vorsichtig ein bisschen Wasser, einmal, zweimal, dreimal. Für einen Moment blieb alles still. Dann kam wieder ein leises „Hicks", aber diesmal schon etwas leiser als zuvor.
Hugo legte in diesem Moment ganz von selbst seine Pfote sanft auf Pflaums Rücken, so als wollte er ihm zeigen, dass er nicht allein warten musste, und das kleine Häschen schien das zu spüren, denn es entspannte sich ein wenig mehr, als es zunächst schien. „Fast geschafft", murmelte Nele aufmunternd und setzte sich ins Gras, Hugo direkt an ihrer Seite. „Jetzt versuchen wir das Letzte: ganz still liegen bleiben, ohne dich zu bewegen, und bis zehn zählen. Manchmal vergisst der Bauch den Schluckauf einfach, wenn man ihm keine Aufmerksamkeit mehr schenkt."
Pflaum liess sich vorsichtig ins weiche Gras zwischen Nele und Hugo sinken, die Pfoten eng an den Körper gezogen. Nele zählte leise mit den Fingern mit, eins, zwei, drei, während Hugo seinen warmen Kopf sanft neben das kleine Häschen legte. Bei sieben zuckte Pflaum noch einmal ganz leicht. Bei zehn passierte nichts mehr.
„Er ist weg", flüsterte Pflaum überrascht und lauschte in sich hinein, als könnte der Schluckauf jeden Moment zurückkommen. Aber nichts kam. Das kleine Häschen wackelte vorsichtig mit den Ohren, als müsste es sich selbst noch einmal versichern, dass wirklich alles ruhig geblieben war, und schien dabei fast ein bisschen stolz auf sich zu sein.
„Siehst du", sagte Nele zufrieden und streichelte über sein weiches Fell.
Über ihnen begannen die ersten Glühwürmchen ihre kleinen Lichter anzuknipsen, und das Karottenfeld lag still und friedlich unter dem beginnenden Sternenhimmel. Pflaum kuschelte sich näher an Hugos warmen Bauch, der sich gleichmässig hob und senkte, und Nele legte sich mit dem Rücken ins Gras, die Hände hinter dem Kopf verschränkt.
Eine Weile blieben sie so liegen, ohne viel zu sprechen, nur das leise Rascheln der Karottenblätter im Wind begleitete sie, und beobachteten, wie sich das Licht der Glühwürmchen im Feld vermehrte, bis es aussah wie ein kleiner, tief liegender Sternenhimmel zwischen den Karottenblättern. Nele erzählte Pflaum leise, dass sie und Hugo diesen Weg schon so oft gegangen waren, dass sie jeden einzelnen Stein auf dem Feldweg kannten, und dass sie manchmal, wenn es besonders ruhig war, genau hier stehen blieben, um den Fröschen am nahen Teich zuzuhören. Pflaum lauschte mit halb geschlossenen Augen, während in der Ferne tatsächlich ein leises Quaken zu hören war, gefolgt von einem zweiten, und dann herrschte wieder friedliche Stille. Hugo schnaufte zufrieden im Schlaf, die Nase auf seine Pfoten gebettet, und auch Pflaum schien nun endgültig zur Ruhe zu kommen, ohne eine Spur von Schluckauf oder Aufregung. Als es Zeit wurde, heimzugehen, schlief Pflaum bereits fest zwischen den beiden ein, den Schluckauf und die Aufregung des Tages längst vergessen, die kleine Nase leicht zuckend im Schlaf, so wie es kleine Häschen eben manchmal tun. Nele hob ihn behutsam hoch, um ihn zurück zu seinem Bau am Feldrand zu bringen, während Hugo müde, aber zufrieden neben ihr hertrottete, ganz so, als wüsste er genau, dass sie heute Abend gemeinsam etwas Gutes getan hatten.

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