Die kleine Qualle Perlina lernt leuchten

5 Minuten Vorlesezeit

In der Nachtbucht, weit draussen vor dem grossen Korallenriff, leuchteten alle Quallen sanft, sobald die Sonne unterging, alle bis auf Perlina. Sie war die kleinste der Gruppe und trieb Abend für Abend zwischen ihren schimmernden Verwandten, ohne dass an ihrem eigenen durchsichtigen Körper auch nur ein einziges Fünkchen Licht erschien. Die anderen Quallen machten sich nie darüber lustig, aber Perlina beobachtete traurig, wie sie selbst dunkel blieb, während rings um sie das Wasser in blassem Rosa und Blau glühte.

An diesem Abend, als sich der letzte Sonnenstrahl durchs Wasser verabschiedete, hörte sie ein leises, verzweifeltes Plätschern in der Nähe. Es war Tomke, ein junges Schildkrötenbaby, das sich auf dem Weg zu seinem Schlafriff verirrt hatte und nun ratlos im dunklen Wasser kreiste, unfähig, den richtigen Weg zu finden. „Hilfe,", rief er leise, mehr für sich selbst als für irgendjemanden, „ich find mein Riff nicht mehr." Perlina schwebte näher, ihre langen Fangarme sanft im Wasser wogend, und obwohl sie selbst nicht leuchtete, wollte sie nicht einfach weiterschweben und ihn allein lassen.

„Ich kenn den Weg,", sagte sie leise, obwohl sie sich nicht ganz sicher war, ob das stimmte, denn auch sie war noch jung und die Bucht war weitläufig. Aber sie erinnerte sich an die Richtung, aus der tagsüber immer die wärmsten Strömungen kamen, und begann, sich langsam dorthin zu bewegen, während Tomke dicht neben ihr blieb, sein kleiner Panzer sanft gegen ihre wogenden Arme stossend, wann immer er zu nah kam.

Sie schwammen gemeinsam durch das dunkle Wasser, vorbei an schlafenden Fischschwärmen, die sich kaum bewegten, vorbei an einer Seepferdchenfamilie, die sich mit den Schwänzen an einer Koralle festgehakt hatte. Perlina achtete darauf, sich nicht zu hetzen, denn sie hatte einmal gehört, dass hastige Bewegungen im dunklen Wasser die kleinen Fische aufschrecken konnten, und ausserdem, so dachte sie, würde eine ruhige Fahrt Tomke weniger Angst machen als eine schnelle.

Je länger sie so schwebten, ruhig und gleichmässig, desto seltsamer wurde ihr zumute, ein warmes, kribbelndes Gefühl, das sich von ihrem Innersten aus über ihren ganzen durchsichtigen Körper auszubreiten schien. Tomke, der neben ihr schwamm, blieb plötzlich stehen und starrte sie mit grossen Augen an. „Perlina,", flüsterte er, „du leuchtest ja!" Perlina blickte an sich hinunter und sah es selbst kaum glauben: ein zartes, blassrosa Schimmern, das von ihrem Körper ausging, schwach zuerst, dann etwas deutlicher, während sie ruhig weiterschwebte.

Sie verstand nicht sofort, was geschehen war, aber irgendwie schien es, als hätte sich das Leuchten genau dann eingestellt, als sie ganz still und ruhig geworden war, ganz auf den Weg konzentriert statt auf sich selbst. Tomke, erleichtert über das neue sanfte Licht, das nun ihren gemeinsamen Weg erhellte, folgte ihr dichter als zuvor, und gemeinsam fanden sie schliesslich die vertraute Silhouette seines Schlafriffs, das im Dunkeln wie ein schlafender Riese aus dem Sand ragte.

„Da ist es,", rief Tomke leise und schwamm erleichtert auf eine kleine Höhle zwischen den Korallen zu, wo bereits andere Schildkröten friedlich schliefen, ihre Panzer sanft aneinandergelehnt. Er drehte sich noch einmal um und bedankte sich bei Perlina, deren Licht jetzt gleichmässig und warm zwischen den Korallenzweigen schimmerte. „Ohne dich hätt ich den Weg nie gefunden." Perlina lächelte, so gut eine Qualle eben lächeln kann, und spürte zum ersten Mal, wie schön es war, selbst ein kleines Licht zu sein.

Auf dem Rückweg zu ihrer eigenen Gruppe schwebte sie langsamer als sonst, geniesserisch fast, und beobachtete, wie ihr sanftes Leuchten das dunkle Wasser um sie herum in ein zartes Rosa tauchte. Die anderen Quallen begrüssten sie mit leisem, wogendem Wippen, als sie zurückkehrte, und keine von ihnen schien überrascht, dass Perlina nun genauso leuchtete wie sie selbst.

Perlina liess sich in die Mitte der Gruppe treiben, umgeben von warmem Licht auf allen Seiten, und spürte, wie ihre eigene Müdigkeit sie langsam einholte. Das gleichmässige Auf und Ab der Strömung, das sanfte Schimmern um sie herum und die Gewissheit, heute jemandem geholfen zu haben, wiegten sie sacht hin und her, bis sie, mitten im warmen Glühen der Nachtbucht, friedlich einschlief.

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