Mateo und das Traumkissen von Oma Ilse

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Mateo war fünf Jahre alt und übernachtete zum allerersten Mal bei Oma Ilse, ohne seine Eltern, nur mit seinem kleinen Rucksack und dem Plüschhasen unter dem Arm. Das Gästezimmer roch nach Lavendel und altem Holz, ganz anders als sein eigenes Zimmer zu Hause, und als er unter der dicken Decke lag, fühlte sich alles ein bisschen fremd an, auch wenn Oma Ilse gleich nebenan auf der Bettkante sass. Sein Kopf lag auf einem grossen, weichen Kissen, das er sich genauer ansah, weil es überall mit feinen bunten Fäden bestickt war.

„Das ist mein Traumkissen,", sagte Oma Ilse, als sie bemerkte, wie aufmerksam Mateo die Stiche betrachtete. „Jeder Stich darauf ist ein Ort, von dem ich dir erzählen kann, wenn du magst." Mateo nickte sofort, rückte sich näher heran und liess seinen Finger über die feinen, erhabenen Linien gleiten, die sich wie kleine Wege über den Stoff zogen. Gleich am Rand fand er eine winzige bestickte Mühle mit einem roten Dach, deren Flügel aus feinstem goldenem Faden gearbeitet waren.

„Diese Mühle stand am Rand des Dorfes, in dem ich aufgewachsen bin,", erzählte Oma Ilse leise, während sie mit dem Finger neben seinem über den Stoff strich. „Im Sommer haben wir Kinder uns manchmal ins Gras davor gelegt und den Flügeln beim Drehen zugesehen, bis wir vor lauter Schauen ganz schwindlig wurden." Mateo stellte sich das Knarren der Flügel vor, das leise Rauschen des Windes, und liess seinen Finger weiterwandern, dem gestickten Weg entlang, bis er zu einem kleinen blauen See kam, umgeben von winzigen Bäumen aus grünem Garn.

„An diesem See habe ich schwimmen gelernt,", sagte Oma Ilse und lächelte, während ihre Stimme immer leiser und ruhiger wurde, so wie der Wind draussen, der sanft gegen das Fenster wehte. „Das Wasser war immer ein bisschen kalt, aber am Ufer lag warmer, heller Sand, in dem wir unsere Füsse vergraben haben, bevor wir wieder nach Hause liefen." Mateo spürte fast den kühlen Sand unter seinen eigenen Zehen, während sein Finger dem nächsten Faden folgte, hinüber zu einem grossen gelben Sonnenblumenfeld, das sich fast über die ganze Kissenmitte zog.

„Hier haben mein Bruder und ich Verstecken gespielt,", flüsterte Oma Ilse, „zwischen Blumen, die viel grösser waren als wir. Man musste nur ganz still stehen, dann fand einen niemand." Mateo gähnte leise, aber er wollte die Reise noch nicht beenden, also folgte sein Finger dem letzten Faden, der von den Sonnenblumen zu einem kleinen, bestickten Haus mit einem roten Schornstein führte, aus dem ein dünner, gerader Rauchfaden gestickt war.

„Und das,", sagte Oma Ilse und legte ihre warme Hand sanft auf seine, „das ist genau dieses Haus hier, in dem du gerade liegst. Der letzte Stich auf der Karte führt immer nach Hause." Mateo betrachtete das kleine Haus, spürte die weiche Wärme von Oma Ilses Hand über seiner eigenen, und dachte, dass es ein schönes Gefühl war, dass die ganze Reise über Mühle, See und Sonnenblumenfeld am Ende genau hier endete, in diesem Zimmer, das nach Lavendel roch.

Draussen war es inzwischen ganz dunkel geworden, nur der Mond warf einen schmalen Streifen Licht durchs Vorhangspalte, genau auf die Ecke des Kissens, wo das kleine Haus bestickt war. Oma Ilse zog die Decke etwas höher über Mateos Schultern und strich ihm sanft über die Stirn, während seine Augen immer schwerer wurden und die bunten Fäden vor ihm langsam zu verschwimmen begannen.

„Schläfst du schon fast?", fragte sie leise, und Mateo nuschelte nur noch ein müdes „Fast", während sein Finger, kaum noch bei Kräften, ein letztes Mal über die Mühle strich, bevor er ganz zur Ruhe kam. Oma Ilse blieb noch eine Weile sitzen, beobachtete, wie sich sein Atem verlangsamte, und summte leise eine alte Melodie, die zu keinem der Orte auf dem Kissen gehörte und doch zu ihnen allen passte. Mateo schlief tief und fest ein, mit der Hand noch auf dem Kissen, mitten auf der Landkarte, die ihn nach Hause geführt hatte.

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