Im kleinen Holzdojo am Rand des Bambuswaldes lebte Kiko, ein Ninja-Schüler, der ungeduldiger war als alle anderen Schüler zusammen. Wenn er etwas übte, wollte er es sofort können, ob nun lautloses Springen, schnelles Klettern oder das geräuschlose Schleichen über den knarrenden Holzboden. Tagsüber übte er, bis seine Beine zitterten, doch abends, wenn alle anderen längst schliefen, lag Kiko meistens noch wach und starrte an die Decke.
„Warum kann ich tagsüber so leise sein, aber nachts nicht einmal meine eigenen Gedanken ruhig kriegen?", murmelte er eines Abends vor sich hin, während er unruhig auf seiner Strohmatte hin und her rutschte.
Sein alter Meister, der schon lange keine grossen Sprünge mehr machte, dafür aber alles genauer zu sehen schien als jeder junge Ninja, sass an diesem Abend noch in der Ecke des Dojos und flickte eine seiner Schärpen. „Du übst dein ganzes Können mit den Füssen", sagte er, ohne von seiner Näharbeit aufzuschauen. „Aber hast du schon einmal geübt, wie man mit den Gedanken leise wird?"
Kiko setzte sich auf. „Das gibt es?"
„Das gibt es", bestätigte der Meister und legte die Schärpe beiseite. Er zündete eine kleine Papierlaterne an, die ein sanftes, warmes Licht durch den Raum warf, und setzte sich zu Kiko auf die Matte. „Stell dir vor, du liegst nicht auf Stroh, sondern auf einem Kissen aus Wolken. Ganz weich, ganz weit oben, so weit oben, dass kein Geräusch von unten mehr zu dir hinaufdringt."
Kiko schloss die Augen und versuchte, sich das Kissen vorzustellen, doch schon nach wenigen Atemzügen wanderten seine Gedanken wieder zu den Übungen des Tages, zu einem Sprung, der ihm nicht gelungen war. „Es klappt nicht", seufzte er und öffnete die Augen wieder.
„Wie beim Schleichen am Anfang auch nicht", erinnerte ihn der Meister ruhig. „Erinnerst du dich, wie oft du auf den knarrenden Dielen gestolpert bist, bevor du gelernt hast, wo du auftreten musst?"
Kiko nickte langsam.
„Genauso ist es mit den Gedanken", fuhr der Meister fort. „Man übt Schritt für Schritt. Zuerst nur einen Atemzug lang leise sein. Dann zwei. Dann drei."
Kiko legte sich wieder hin, schloss die Augen, und diesmal zählte er im Kopf mit, so wie er es beim Schleichen gelernt hatte: ein Atemzug, ganz ruhig, nur das Ein- und Ausströmen der Luft. Ein zweiter Atemzug, und diesmal gelang es ihm tatsächlich, kein einziges Bild vom Training dazwischenzuschieben. Beim dritten Atemzug stellte er sich wieder das Wolkenkissen vor, weich und kühl, und merkte, wie seine Schultern, die den ganzen Tag angespannt gewesen waren, sich langsam entspannten.
Draussen vor dem Fenster bewegte sich ein Bambuszweig sacht im Wind, warf einen huschenden Schatten über die Matte, und für einen kurzen Moment dachte Kiko, er müsse aufspringen, um nachzusehen, was da war. Doch dann erinnerte er sich an das Wolkenkissen, liess den Gedanken einfach vorbeiziehen wie zuvor, und der Schatten verschwand ebenso ruhig, wie er gekommen war. „Weiter so", flüsterte der Meister, kaum lauter als ein Windhauch, und blies die kleine Papierlaterne aus, sodass nur noch das Mondlicht durch das Papierfenster ins Zimmer fiel.
Beim vierten Atemzug tauchte in seinem Kopf noch einmal kurz das Bild des misslungenen Sprungs auf, doch diesmal liess Kiko es einfach vorbeiziehen, so wie man ein Blatt beobachtet, das ein Bach mit sich trägt, ohne es aufzuhalten. Er dachte daran, wie oft er tagsüber über seine eigene Ungeduld gestolpert war, und zum ersten Mal fand er den Gedanken nicht ärgerlich, sondern beinahe ein bisschen lustig. Der Meister sass noch immer still neben ihm, ohne ein Wort zu sagen, und liess ihm die Zeit, die er brauchte, denn genau das, wusste er, war die schwierigste Übung von allen. Kiko übte weiter, Atemzug für Atemzug, und mit jedem Atemzug wurden seine Gedanken ein Stück leiser, so wie seine Schritte über die Jahre leiser geworden waren. Irgendwann bemerkte er gar nicht mehr, dass er zählte, denn die Gedanken selbst waren so still geworden wie seine Füsse beim besten Schleichtraining.
Der Meister blieb noch eine Weile sitzen und beobachtete, wie sich Kikos Atem verlangsamte, gleichmässig wurde, ruhig wie das sanfte Rauschen des Bambuswaldes draussen vor dem Fenster. Er dachte an all die Schüler, die er in seinem langen Leben schon unterrichtet hatte, und wie jeder von ihnen irgendwann diese eine, stillste Übung für sich entdeckte, jeder auf seine eigene Weise und zu seiner eigenen Zeit. Er erinnerte sich an seine eigene erste Nacht als junger Ninja-Schüler, vor sehr vielen Jahren, als er genauso ungeduldig gewesen war wie Kiko und genauso lange wach gelegen hatte, bis auch ihm jemand von einem Kissen aus Wolken erzählt hatte. Manche Dinge, dachte er lächelnd, gaben sich von Meister zu Schüler weiter, leise wie ein Flüstern, über viele, viele Jahre hinweg. Als er sicher war, dass der kleine Ninja fest eingeschlafen war, deckte er ihn vorsichtig mit einer zusätzlichen Decke zu und flüsterte, mehr zu sich selbst als zu Kiko: „Siehst du, manchmal ist die stillste Übung die wichtigste von allen."
Bevor er selbst zur Ruhe ging, warf der Meister noch einen letzten Blick aus dem Fenster hinaus zum Bambuswald, dessen Wipfel sich sacht im Wind wiegten, als würden auch sie ganz leise atmen. Er löschte die letzte kleine Kerze am anderen Ende des Dojos und ging mit leisen, geübten Schritten zu seiner eigenen Matte, dankbar für einen weiteren Tag, an dem er einem seiner Schüler ein Stückchen Ruhe hatte schenken können.
Draussen rauschten die Bambusblätter sanft im Nachtwind, und im Dojo lag Kiko, zum ersten Mal seit Langem, ganz ruhig auf seinem Kissen aus Wolken, während der Mond sein blasses Licht durch das Papierfenster auf die schlafende Matte warf.

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