Superheld Jonte und die Gute-Nacht-Patrouille

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Jedes Kind in der Strasse glaubte, Jonte sei einfach ein sechsjähriger Junge, der gern Pyjamas mit einem kleinen blauen Umhang trug, aber Jonte selbst wusste es besser. Seine Superkraft war keine übermenschliche Stärke und keine Blitzschnelligkeit, sondern etwas viel Selteneres: Er konnte spüren, wenn irgendwo in der Nachbarschaft noch etwas nicht zur Ruhe gekommen war, bevor alle schlafen gingen. Jeden Abend, kurz nach dem Zähneputzen, schlüpfte er auf Zehenspitzen ans Fenster, um seine Patrouille zu beginnen.

Heute Abend spürte er es besonders deutlich, ein leises Ziehen irgendwo in Richtung des Nachbarhauses, das ihm sagte, dass etwas seiner Aufmerksamkeit bedurfte. Er öffnete das Fenster einen Spalt, liess seinen Umhang sanft im Abendwind flattern und schwebte hinaus über die Dächer, gerade so hoch, dass er über die Schornsteine hinwegsehen konnte, aber nah genug, um jedes erleuchtete Fenster zu erkennen.

Über dem Garten der Nachbarn entdeckte er ein kleines, graues Kätzchen, das jämmerlich auf der Fensterbank sass und miaute, weil das Fenster, durch das es hinausgeklettert war, sich inzwischen wieder geschlossen hatte. Jonte liess sich sanft neben dem Kätzchen nieder, das ihn mit grossen Augen ansah, als hätte es genau auf ihn gewartet. „Keine Sorge,", flüsterte Jonte, „die Gute-Nacht-Patrouille bringt dich heim." Er hob das Kätzchen vorsichtig hoch, spürte sein weiches Fell und sein leises Schnurren, und fand ein zweites, offenes Fenster ein Stockwerk höher, durch das er es behutsam zurück ins warme Kinderzimmer setzte.

Weiter ging seine Runde über die schlafende Strasse, vorbei an dunklen Dächern und ein paar letzten erleuchteten Fenstern, hinter denen Menschen noch lasen oder leise miteinander sprachen. Am Ende der Strasse, im Garten von Herrn Bosshart, bemerkte Jonte eine Lampe, die vergessen worden war und einsam vor sich hin leuchtete, obwohl längst niemand mehr draussen sass. Er schwebte hinunter, drückte sanft den kleinen Schalter am Sockel, und die Lampe erlosch mit einem leisen Klicken, das in der stillen Nacht fast wie ein zufriedenes Seufzen klang.

Auf dem Rückweg über die Dächer hielt Jonte kurz inne und betrachtete die Strasse von oben, die Dächer, die im schwachen Mondlicht silbrig schimmerten, die Schornsteine, aus denen kein Rauch mehr stieg, weil auch die letzten Kamine für heute zur Ruhe gekommen waren. Er hörte, wie im Garten ein Hund kurz bellte und dann wieder verstummte, hörte das ferne Rauschen der Blätter, die der Wind sanft durch die Strasse trieb, und fühlte sich zufrieden, dass seine Runde bald geschafft war.

Am Haus des Nachbarhundes Bruno bemerkte er, dass die Hundedecke im Zwinger zur Seite gerutscht war und der Wind ungehindert hineinblies. Jonte landete leise auf dem Rasen, zog die Decke wieder über Bruno, der im Schlaf kaum die Augen öffnete, nur mit dem Schwanz einmal langsam über den Boden wedelte, als würde er sich bedanken. „Gute Nacht, Bruno,", murmelte Jonte und strich ihm kurz über den Kopf, bevor er sich wieder in die Luft erhob.

Nun war seine Patrouille zu Ende, das spürte er deutlich, das Ziehen von vorhin war verschwunden, und über der ganzen Strasse lag jetzt eine gleichmässige, friedliche Ruhe. Jonte flog zurück zu seinem eigenen Fenster, das er zum Glück einen Spalt offen gelassen hatte, und schwebte lautlos in sein Zimmer, wo das Nachtlicht in Form eines kleinen Mondes sanft an der Wand leuchtete.

Sein Vater sass schon auf der Bettkante und wartete mit dem Buch, das sie jeden Abend ein Stück weiterlasen, und blickte kaum überrascht auf, als Jonte mit rotem Gesicht und leicht zerzaustem Umhang durchs Zimmer schwebte. „Alles ruhig da draussen, Kapitän der Nacht?", fragte er, und Jonte nickte zufrieden, kletterte unter seine Decke und liess den Umhang locker über die Bettkante hängen, bereit für die nächste Nacht.

Während sein Vater die ersten Sätze der Geschichte vorlas, spürte Jonte, wie seine Augen immer schwerer wurden, wie die ganze Strasse draussen jetzt still und sicher lag, jedes Fenster geschlossen, jede Lampe gelöscht, jedes Tier versorgt. Noch bevor sein Vater die Seite zu Ende gelesen hatte, war der kleine Superheld der Gute-Nacht-Patrouille längst eingeschlafen, tief und fest, genau dort, wo seine Runde jeden Abend endete.

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