Ren, der kleine Ninja und der grollende Berg - eine Gute-Nacht-Geschichte mit Ninjas
4 Minuten Vorlesezeit
Es war ein Abend, an dem die Luft im Dorf der „Verborgenen Pfote“ seltsam flimmerte. Der junge Ninja Ren saß eigentlich gerade beim Abendessen, als die Erde unter seinen Füßen leise zu zittern begann. Draußen am Horizont leuchtete der Gipfel des Berges Kuro in einem bedrohlichen Violett und dunkle Rauchwolken stiegen auf.
Meister Yan, dessen grauer Bart fast bis zum Boden reichte, trat aus dem Schatten des Dojos. In seiner Hand hielt er eine alte Schriftrolle. „Ren, die Zeit der Ruhe ist vorbei“, sagte der Meister mit tiefer, ruhiger Stimme.
„Der Berg Kuro ist erwacht, weil das Gleichgewicht der Elemente gestört wurde. Die Hitze tief in seinem Bauch wird bald das ganze Tal in Schweiß baden lassen. Nur du bist flink genug, um die Kristallhöhle rechtzeitig zu erreichen.“
Ren sprang sofort auf. Er spürte das Adrenalin in seinen Adern. „Ich bin bereit, Meister! Was muss ich tun?“
Der Meister überreichte ihm einen kleinen Beutel. „Darin findest du das Frost-Pulver der Ahnen und deine Greifhaken. Benutze sie weise. Und denk daran: Ein Ninja kämpft nicht gegen den Berg, er bewegt sich mit ihm.“
Ren verbeugte sich tief. „Ich werde den Saphir finden, Meister! Verlasst euch auf mich!“, rief er, während er bereits mit einem eleganten Salto über das Tor des Dorfes setzte.
Der Weg zum Fuß des Berges führte durch einen Wald, in dem die Bäume im Wind zu flüstern schienen. Da der Berg bebte, fielen immer wieder morsche Äste herab. Ren aktivierte seine Ninja-Sinne.
Er hörte das Knacken des Holzes, noch bevor es brach.
Mit blitzschnellen Bewegungen wich er den Hindernissen aus. Einmal musste er sich wie ein Kreisel in der Luft drehen, um einem herabstürzenden Nest auszuweichen.
„Keine Sorge, kleine Vögel, euch passiert nichts!“, rief er den zwitschernden Bewohnern zu, während er im Laufen einen Ast wieder sicher auffing und ihn in eine Astgabel klemmte.
Am Berghang angekommen, wurde der Boden heiß. Überall schossen kleine Fontänen aus glühendem Staub aus den Felsen. Hier trafen die frechen Feuergeister auf ihn. Sie sahen aus wie lebendige Fackeln mit großen, neugierigen Augen.
„Du kommst hier nicht vorbei, blauer Ninja!“, riefen sie im Chor und begannen, kleine Feuerbälle zu jonglieren. Ren lächelte. Er griff in seinen Beutel und warf eine Handvoll des Frost-Pulvers in die Luft. Sofort entstand ein glitzernder Pfad aus Eis, der nicht schmolz.
„Behaltet eure Bälle für euch, ich habe es eilig!“, rief Ren, während er wie ein Schlittschuhläufer über die heißen Felsen glitt. Die Feuergeister staunten so sehr, dass sie ihre Bälle fallen ließen und ehrfürchtig zusahen, wie Ren mit wehenden Bändern an ihnen vorbeizog.
Plötzlich endete der Pfad an einer gigantischen Schlucht. Tief unten floss ein Fluss aus flüssigem Gold – die magische Lava des Berges. Die Hitze war so stark, dass Ren Schweißperlen auf der Stirn hatte. Die einzige Verbindung zur anderen Seite war ein altes, dünnes Seil, das gefährlich schwankte.
„Atme tief ein, Ren. Werde leicht wie eine Wolke“, flüsterte er sich selbst zu. Er balancierte auf dem Seil. In der Mitte der Schlucht packte ihn ein heißer Windstoß. Das Seil riss! Mit einem geistesgegenwärtigen Griff schleuderte Ren seinen Greifhaken nach oben.
„Hiaaaa!“, schrie er, als der Haken sich fest um einen Felsvorsprung wickelte. Er schwang sich in einem gewaltigen Bogen durch die glühende Luft und landete mit einer perfekten Ninja-Rolle auf der anderen Seite.
Schließlich erreichte er das Herz des Berges: Die Kristallhöhle. Es war ein Ort von unbeschreiblicher Schönheit. Tausende Kristalle an den Wänden brachen das rote Licht des Berges in alle Regenbogenfarben. In der Mitte, auf einem Altar aus Obsidian, schwebte der eisige Saphir.
Doch der Boden war tückisch. Er bestand aus gläsernen Platten. „Ganz vorsichtig jetzt“, murmelte Ren. Er zog seine Schuhe aus, um den Boden besser spüren zu können. Jede Platte, die ein leises Summen von sich gab, war eine Falle. Mit höchster Konzentration sprang er nur auf die stummen Kristalle. Es sah aus wie ein komplizierter Tanz im Mondlicht.
Als er den Saphir endlich erreichte, legte er seine Hände sanft um den kühlen Stein. Ein eisblauer Lichtblitz durchzuckte die Höhle. Das laute Grollen des Berges verwandelte sich augenblicklich in ein zufriedenes Schnurren. Die Hitze zog sich zurück und ein angenehm kühler Nebel legte sich über die Kristalle.
Der Rückweg war kein Wettlauf mehr. Der Berg war nun still und friedlich. Die Lava war zu glänzendem Gestein erstarrt und die Feuergeister hatten sich in kleine, gemütliche Glut-Häufchen verwandelt, die leise knackten wie ein Kaminfeuer.
Als Ren das Dorf erreichte, war es bereits tiefste Nacht. Die Laternen im Dorf leuchteten sanft. Meister Yan erwartete ihn am Eingang des Dojos.
„Du hast das Gleichgewicht wiederhergestellt, kleiner Ninja“, sagte der Meister und legte ihm stolz eine Hand auf die Schulter. „Du hast heute bewiesen, dass ein Ninja nicht nur stark, sondern auch klug und geduldig sein muss.“
Ren spürte, wie seine Glieder schwer wurden. Die Aufregung des Abends fiel von ihm ab. „Meister, ich glaube, meine schwerste Mission wartet jetzt auf mich“, sagte Ren mit einem riesigen Gähnen. Der Meister lachte leise. „Und welche wäre das?“ „Das Kopfkissen zu finden und bis morgen früh nicht mehr aufzustehen!“, antwortete Ren.
Meister Yan begleitete ihn zu seinem Zimmer. Ren kuschelte sich in seine weiche Decke, die nach frischem Stroh und Abenteuer roch. „Schlaf gut, Ren. Das Tal ist sicher, dank dir“, flüsterte der Meister, während er das Licht löschte.
Ren hörte nur noch das ferne, beruhigende Rauschen des Windes in den Bäumen, bevor er in einen tiefen, traumlosen Ninja-Schlaf sank.

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