Juno wohnte mit ihrem Grossvater im Leuchtturm am Ende der Landzunge. Jeden Abend, wenn die Dämmerung kam, stieg der Grossvater die Wendeltreppe hinauf und schaltete das grosse Licht an. Es drehte sich langsam und warf einen hellen Strahl über das Meer, immer im gleichen Rhythmus: zwei Mal kurz, ein Mal lang.
An manchen Abenden durfte sie den grossen Hebel selbst umlegen. Dann surrte es tief im Turm, und das Licht erwachte, erst rot, dann weiss, und alle Boote draussen auf dem Meer wussten: Der Hafen ist noch da.
Heute Abend blinkte es anders.
Juno stand am Fenster ihrer Kammer und zählte mit. Ein Mal kurz, drei Mal lang, ein Mal kurz. Dann gar nichts, dann zwei Mal kurz. Das Licht stotterte wie jemand, der sich verschluckt hat.
„Grossvater?“, rief sie, doch der Grossvater schlief tief in seinem Sessel, die Zeitung auf dem Bauch. Er war den ganzen Tag draussen gewesen und hatte Netze geflickt.
Juno ging zu ihm und rüttelte ihn vorsichtig an der Schulter. Er murmelte etwas im Schlaf, ohne die Augen zu öffnen. „Westwind“, nuschelte er. „Spiegel … nicht anfassen … Westwind.“ Dann drehte er den Kopf zur Seite und schnarchte weiter. Juno überlegte, ob sie ihn wecken sollte. Er sah so müde aus, dass es ihr leidtat. Seine Hände waren noch rot von den kalten Netzen, und neben dem Sessel standen seine nassen Stiefel zum Trocknen. „Ich schaffe das allein“, flüsterte sie.
Da sah Juno etwas auf dem dunklen Wasser: ein kleines Fischerboot, das in der Bucht hin und her trieb. Das Boot schaukelte unsicher mal nach links, mal nach rechts. Es fand den Weg nicht, weil das Licht ihm kein Zeichen gab.
„Ich kümmere mich darum“, flüsterte Juno. Sie zog ihren gelben Regenmantel an, nahm die Taschenlampe vom Haken und stieg die Treppe hinauf. Dreiundneunzig Stufen waren es, sie hatte sie schon oft gezählt. Bei der sechzigsten Stufe hörte sie ein leises Schaben, bei der siebzigsten ein Klacken.
Auf dem Treppenabsatz bei Stufe achtzig war es dunkel. Die Lampe an der Wand brannte nicht, und Juno hielt die Taschenlampe mit beiden Händen vor sich. Ein Luftzug streifte ihr Gesicht, und irgendwo schlug ein Fensterladen gegen die Wand, einmal, zweimal. Sie zuckte zusammen, zählte bis fünf und ging weiter. „Das ist nur der Wind“, sagte sie laut zu sich selbst. „Der Wind ist mein Freund.“ Das klang schon mutiger. Bei Stufe zweiundneunzig sah sie oben einen goldenen Streifen unter der Tür hervorleuchten, und ihr wurde warm ums Herz.
Oben in der Laternenkammer drehte sich das riesige Glas, aber es drehte sich ruckelnd. Juno leuchtete in die Ecken. Das Zahnrad lief, die Kette lief, und doch hakte etwas. An der Tür zur Spiegelkammer hing ein kleiner Zettel in der Handschrift ihres Grossvaters: „Nur öffnen, wenn der Wind aus Westen kommt.“
Juno hielt den Finger in die Luft. Der Wind kam tatsächlich aus Westen, sie spürte ihn durch einen Spalt im Fenster. Also öffnete sie vorsichtig die Tür. Dahinter stand der grosse Spiegel, und er war schief, ein Stück verrutscht, sodass das Licht nicht mehr richtig auf das Meer fiel.
Die Kammer war rund und eng, und überall hingen Spiegel und Linsen, die das Licht in tausend kleine Punkte brachen. Es sah aus, als wäre die Decke voller Sterne. Juno vergass einen Moment, warum sie hier war. Dann sah sie auf den grossen Spiegel in der Mitte und merkte, dass sein Bild vom Meer schief war, so wie ein Bild an der Wand, das jemand angestossen hat.
Juno stemmte beide Hände gegen den Rahmen und schob. Er bewegte sich nur ein winziges Stück, dann gab es ein leises Piepen. Sie hielt inne. Das Piepen kam aus dem Spiegelrahmen, aus einer Ritze zwischen Holz und Messing.
Juno leuchtete mit der Taschenlampe hinein. Dort, mitten im Rahmen, sass ein kleines Nest aus Tang und Federn, und in dem Nest lag ein winziger Seevogel, kaum grösser als ihre Faust, mit einem Küken unter dem Flügel. Die beiden hatten sich genau den warmen Platz hinter dem Spiegel ausgesucht, und das Nest klemmte den Spiegel fest.
„Oh“, sagte Juno leise. „Ihr wohnt hier.“
Der Seevogel blinzelte sie an. Das Küken machte ein ganz kleines Geräusch. Jetzt wusste Juno, warum der Spiegel schief stand, und sie wusste auch, dass sie ihn nicht einfach wegschieben durfte.
Zuerst versuchte sie es mit blossen Händen. Sie schob zwei Finger unter das Nest und hob es ein winziges Stück an, da begann der Seevogel laut zu schimpfen und hackte nach ihrem Handschuh. Das Küken piepste erschrocken. Juno liess sofort los. „Entschuldigung, Entschuldigung“, flüsterte sie und trat einen Schritt zurück. Ihr Herz klopfte. Nest und Küken durfte sie nicht erschrecken, das war ihr klar. Sie musste es so machen, dass der Seevogel selbst merkte: Hier geschieht nichts Schlimmes.
Sie setzte sich auf die Fersen und summte leise, so wie ihr Grossvater es bei unruhigen Möwen tat. Dann holte sie eine alte Holzkiste aus der Ecke, die ihr Grossvater für Putzlappen benutzte, leerte sie aus und polsterte sie mit ihrem Schal. Dann hob sie das Nest, ganz langsam, mit beiden Händen, und trug es zu der Kiste. Der Seevogel flatterte auf ihre Schulter und blieb dort sitzen, als wollte er aufpassen. Das Küken schmiegte sich in den Schal.
Sie holte aus ihrer Manteltasche das Stück Brot, das sie vom Abendessen aufgehoben hatte, zerbröselte es und legte die Krümel auf die Fensterbank. Der Seevogel pickte vorsichtig daran, und das Küken sperrte den Schnabel auf.
Die Kiste stellte Juno auf die Fensterbank, direkt neben dem Licht, wo es warm war und der Wind nicht hinkam. Dann schob sie den Spiegel zurück. Er rutschte mit einem sanften Klick in seine Position, und das grosse Licht begann sich zu drehen, gleichmässig und ruhig: zwei Mal kurz, ein Mal lang.
Unten auf dem Wasser richtete das Fischerboot den Bug aus. Es fuhr auf das Licht zu, zuerst langsam, dann sicherer, bis es in die Bucht einlief und am Steg festmachte. Ein Mann mit Pudelmütze stieg aus und winkte zum Turm hinauf.
Juno winkte zurück, auch wenn er es kaum sehen konnte. Dann setzte sie sich neben die Kiste auf den Boden, den Rücken an die warme Wand gelehnt. Der Seevogel hüpfte von ihrer Schulter zu seinem Küken und steckte den Kopf unter den Flügel.
Dann hatte sie eine Idee. Sie knipste ihre Taschenlampe an und blinkte dreimal kurz zum Hafen hinunter, so wie sie es von ihrem Grossvater kannte, wenn sie Danke sagen wollte. Unten hob der Mann seine Laterne und blinkte dreimal zurück. Juno lachte leise. Sie hatte einem Fischerboot den Heimweg gezeigt, und niemand hatte es ihr befohlen.
Als der Grossvater nach einer Weile die Treppe heraufkam, mit seinen langsamen, schweren Schritten, fand er seine Enkelin schlafend vor der Kiste. Er sah das Licht, das wieder richtig blinkte, und das Nest auf der Fensterbank. Er brauchte keine Erklärung.
Er ging leise zum Fenster und sah in die Kiste, in der das Küken im Schal lag und der Seevogel ihn mit einem Auge beobachtete. „Westwind“, murmelte er und schmunzelte. „Ich hätte dir von dem Nest erzählen sollen, aber ich dachte, die beiden ziehen längst weiter. Du hast sie gefunden.“ Er fuhr mit dem Daumen über die Spiegelfassung, prüfte, ob alles fest war, und nickte zufrieden.
Er nahm seine Wolljacke, legte sie über Juno und setzte sich leise daneben. Draussen rollten die Wellen gegen die Felsen, und der Lichtstrahl zog seine ruhigen Kreise über das dunkle Meer.

Jeden Sonntag die schönsten Geschichten der Woche
Trag dich ein und bekomm jeden Sonntag eine kurze Post von uns, mit den Geschichten, die diese Woche am besten ankamen. Als Willkommensgeschenk gibt es gratis Ausmalseiten und das erste Kapitel eines Schlummerpiraten-Buchs.
Ähnliche Gute-Nacht-Geschichten
9 Min. VorlesezeitRitter Lio und das Geheimnis im Wachturm
Ritter Lio geht in seiner ersten Nachtwache einem Klimpern im Turm nach und entdeckt ein Mäuseorchester, dem er beim Üben hilft.
9 Min. VorlesezeitAponi und der Mond im stillen See
Aponi kann wegen des hellen Vollmonds nicht schlafen. Mit ihrem Grossvater gleitet sie im Kanu über den stillen See, bis der Mond im Wasser ruhig wird.
9 Min. VorlesezeitHanno und das Gewitter, das leise werden wollte
Die kleine Gewitterwolke Hanno erschrickt vor ihrem eigenen Donner. Ein Nachtfalter zeigt ihr, wie sich aus dem Grollen ein sanftes Regenlied machen lässt.
10 Min. VorlesezeitBiene Svea und der letzte Flug des Tages
Die junge Biene Svea will am Abend noch eine letzte Blume besuchen und findet im Dämmerlicht sicher zurück in den warmen Bienenstock.
10 Min. VorlesezeitEsra und die Laterne, die nicht leuchten wollte
Esras selbstgebastelte Laterne bleibt dunkel, bis ein Nachbar ihr zeigt, wie das Licht atmen kann, und sie am Laternenumzug warm und ruhig leuchtet.
10 Min. VorlesezeitZora und der Ballon, der keinen Wind brauchte
Zora will mit ihrem Heissluftballon über die Stadt fahren, doch es weht kein Wind. Kleine Sternschnuppen tragen sie sanft über die schlafenden Dächer nach Hause.
