Die Geschichte vom lachenden Schatten - eine geheimnisvolle Gute-Nacht-Geschichte
4 Minuten Vorlesezeit
Es war einmal ein neugieriger kleiner Junge namens Theo, der in einem gemütlichen Haus direkt am Rande eines geheimnisvollen, flüsternden Waldes wohnte. Theo liebte den Abend sehr, denn wenn die goldene Sonne langsam hinter den bewaldeten Hügeln verschwand, erwachten in seinem Zimmer die allerschönsten Geschichten zum Leben.
Eines Abends jedoch geschah etwas vollkommen Unerwartetes, das Theo so in seinem ganzen Leben noch nie zuvor gesehen oder gespürt hatte. An seiner weiß getünchten Wand tanzte plötzlich ein dunkler Schatten, der ganz und gar nicht so aussah wie die Umrisse des kleinen Jungen selbst.
Während Theo ganz still auf seinem weichen Bett saß, fing sein eigener Schatten an der Wand plötzlich lautstark an zu kichern und zu glucksen. Die dunkle Gestalt hielt sich mit beiden Händen den Bauch und bog sich vor Vergnügen, als hätte sie gerade den allerlustigsten Witz der ganzen Welt gehört.
Theo rieb sich verwundert mit seinen kleinen Händen die Augen und flüsterte dann ganz leise in die samtige Dunkelheit des Zimmers hinein. "Wer bist du eigentlich und warum lachst du so unglaublich fröhlich an meiner Zimmerwand?" fragte er mit einem deutlich klopfenden Herzen.
Der Schatten hielt kurz in seiner Bewegung inne, verbeugte sich überaus tief vor dem Jungen und strich sich dabei über einen unsichtbaren, großen Hut. "Ich bin Schattino, der lachende Schatten, und ich habe heute die kitzeligsten Lichtstrahlen der ganzen Stadt in meinem Netz eingefangen." antwortete die dunkle Gestalt mit einer Stimme, die so sanft wie das Rascheln von trockenem Herbstlaub klang.
Theo staunte nicht schlecht über diese Erscheinung, denn normalerweise machten Schatten immer nur exakt das nach, was man ihnen als Bewegung vorgab. Schattino aber sprang plötzlich mit einem mutigen Satz von der Wand herab und landete federleicht auf dem bunten Teppich direkt in der Mitte des Zimmers.
Er erklärte dem staunenden Jungen, dass er aus dem fernen und magischen Land der tanzenden Umrisse käme, wo die reine Freude niemals schlafen geht. In diesem wundersamen Land bestanden die hohen Bäume aus duftenden Silhouetten von Zuckerwatte und die breiten Flüsse flossen aus flüssigem, silbernem Mondschein dahin.
Schattino lud Theo mit einer einladenden Geste ein, ihn auf eine kleine Reise durch die unendliche Fantasie zu begleiten, ohne dabei das sichere Zimmer verlassen zu müssen. Er hob seine langen, dunklen Hände weit in die Höhe und plötzlich verwandelte sich die gesamte Zimmerdecke in einen funkelnden, tiefblauen Sternenhimmel voller blinkender Lichter.
"Halte dich jetzt ganz fest an deinen schönsten Träumen, denn wir fliegen gemeinsam zu den weichen Wolken aus lautem Lachen." rief Schattino begeistert und wirbelte dabei wie ein kleiner Wirbelsturm im Kreis herum. Theo fühlte sich auf einmal ganz leicht und schwerelos, als wäre er selbst nur aus feinen Papierschnipseln und glitzerndem Sternenstaub gemacht worden.
Gemeinsam segelten sie an leuchtenden Straßenlaternen vorbei, die wie kleine, gefangene Glühwürmchen in der stillen Nacht tanzten und den Weg wiesen. Schattino zeigte dem Jungen mit viel Geduld, wie man aus einfachen Schattenbildern riesige Schlösser baut, in denen freundliche Drachen dampfenden Kakao servieren.
Der Schatten machte eine geschickte Bewegung mit seinen langen Fingern und an der gegenüberliegenden Wand erschien ein gewaltiger Elefant, der auf einem winzigen Fahrrad balancierte. Theo musste über diesen Anblick so laut lachen, dass sein kleiner Hund unter dem Bett kurz mit dem Schwanz wedelte und im Schlaf leise bellte.
"Du bist wirklich der allerlustigste Freund, den ich jemals in der tiefen Dunkelheit der Nacht gefunden habe." sagte Theo und fühlte sich dabei vollkommen sicher und wunderbar geborgen. Schattino erzählte ihm daraufhin mit ruhiger Stimme, dass Schatten oft nur deshalb so ernst wirken, weil die erwachsenen Menschen einfach vergessen, mit ihnen zu spielen.
Er erklärte ausführlich, dass jedes Kind auf dieser Welt einen ganz besonderen Schatten hat, der nachts über seine Träume wacht und die bösen Gedanken einfach wegkitzelt. Wenn die Kinder tief und fest schlafen, veranstalten die vielen Schatten große Feste im Mondlicht und tauschen die schönsten Erlebnisse des vergangenen Tages untereinander aus.
Theo lernte an diesem besonderen Abend, dass man vor der Dunkelheit niemals Angst haben muss, weil sie in Wahrheit voller kleiner Wunder und heimlicher Freunde steckt. Der lachende Schatten vollführte zum Abschied einen letzten, spektakulären Purzelbaum auf dem Teppich und kletterte dann ganz langsam wieder zurück an seinen angestammten Platz an der Wand.
Eine wohlige Müdigkeit überkam Theo nun wie eine warme, schwere Decke, die sich sanft und schützend über seine kleinen Schultern legte. Schattino wurde wieder ganz still und unbeweglich, aber in seinem schattenhaften Gesicht konnte man immer noch ein winziges, verschmitztes Schmunzeln ganz deutlich erkennen.
"Träum etwas wirklich Schönes, kleiner Abenteurer, denn morgen warten bereits viele neue Geschichten auf uns beide." flüsterte der Schatten ein allerletztes Mal in das friedliche Zimmer hinein.
Theo schloss seine schweren Augen und sah im Land der Träume eine Welt, in der alle Schatten bunte Farben trugen und fröhliche Lieder sangen. Er wusste nun ganz genau in seinem Herzen, dass er niemals einsam war, solange sein fröhlicher und mutiger Begleiter jede Nacht bei ihm blieb.
Das leise und beruhigende Kichern von Schattino begleitete ihn bis tief in den festen Schlaf hinein, wo die Wolken nach süßer Vanille und Abenteuern schmeckten. Draußen leuchtete der runde Mond hell über dem kleinen Haus am Waldrand und passte mit seinem kalten Licht auf alle schlafenden Kinder auf.
Die ganze Welt war in diesem Moment vollkommen friedlich und der lachende Schatten hielt treu und aufmerksam die Wacht bis zum ersten Strahl der Morgensonne.

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