Pirat Bodo und die Flaschenpost an Oma

10 Minuten Vorlesezeit

Das Schiff hiess Sternenkahn, und es lag ruhig im Wasser, mitten auf dem weiten Meer, wo man in alle Richtungen nur Wellen sah. Die Segel hingen locker an den Masten, und aus der Kombüse roch es nach Bohnensuppe mit Speck. Die Mannschaft sass an Deck, jeder auf seiner Kiste oder auf einem aufgerollten Tau, und erzählte sich die Erlebnisse des Tages. Nur einer hockte allein im Bug und schaute auf das Wasser hinaus.

Das war Bodo, der kleinste Pirat an Bord. Er trug ein rotes Kopftuch, das ihm ein wenig zu gross war und immer wieder über ein Auge rutschte, und er hatte Stiefel, in denen man beim Gehen leise quietschte. Seit einer Woche war er jetzt auf See, und an den meisten Tagen war alles wunderbar gewesen. Er hatte gelernt, Knoten zu binden, die Segel zu zählen und das Steuerrad zu halten, wenn der Kapitänin kurz die Hände fehlten.

Heute Abend aber war etwas anders. Der Himmel über dem Meer wurde dunkelblau, die ersten Sterne tauchten auf, und Bodo spürte ein Ziehen im Bauch, das nichts mit der Bohnensuppe zu tun hatte.

„Was ist los, kleiner Mann?“, fragte jemand hinter ihm.

Es war Kapitänin Marit. Sie trug einen langen blauen Mantel mit Messingknöpfen und einen Hut mit einer grauen Feder, die sich im Abendwind leicht bewegte. Ihre Stimme war tief und rau, aber wenn sie mit Bodo sprach, klang sie wie ein Kissen, in das man das Gesicht drücken kann.

„Nichts“, sagte Bodo und wischte sich mit dem Ärmel über die Nase.

Marit setzte sich neben ihn auf eine Kiste und sagte eine Weile gar nichts. Sie schaute auf das Meer, auf dem sich das letzte Licht in langen Streifen sammelte, und liess ihn in Ruhe.

„Ich vermisse meine Oma“, platzte es schliesslich aus Bodo heraus.

„Ah“, sagte die Kapitänin und nickte langsam. „Das ist etwas Gutes.“

„Wieso gut?“, fragte Bodo erstaunt. „Es fühlt sich blöd an.“

„Weil es zeigt, dass du jemanden hast, der dir fehlt“, sagte Marit. „Das haben nicht alle. Wo wohnt sie denn?“

Bodo erzählte von dem kleinen Haus am Hafen, mit der blauen Tür und den Muscheln auf der Fensterbank. Seine Oma hatte immer Lakritz in der Schürzentasche, und abends sang sie beim Abwaschen, falsch, aber laut. Jeden Sonntag backte sie Apfelkuchen, und sie hatte ihm beigebracht, wie man mit den Fingern pfeift.

„Sie kann bestimmt nicht hören, dass ich sie vermisse“, sagte Bodo leise. „Wir sind viel zu weit weg.“

Die Kapitänin schmunzelte. Sie stand auf, ging zu einer der grossen Truhen, die an der Reling festgebunden waren, und kramte darin herum. Es klirrte und raschelte, bis sie wiederkam, in der einen Hand ein Stück Papier, in der anderen ein Stummelbleistift und eine leere grüne Flasche mit einem Korken.

„Wer sagt, dass man nur hören kann?“, fragte sie. „Man kann auch schreiben.“

„Aber ich weiss ihre Adresse nicht auf dem Meer“, wandte Bodo ein.

„Das Meer weiss sie“, sagte Marit. „Es kennt alle Häfen. Gib deinen Brief den Wellen, und sie tragen ihn schon dorthin, wo er hinsoll.“

Bodo zögerte. Dann nahm er das Papier und den Bleistift. Die Kapitänin zündete eine kleine Laterne an und stellte sie neben ihn, damit er genug Licht hatte. Er setzte sich im Schneidersitz hin, legte das Papier auf sein Knie und begann zu schreiben.

Es dauerte lange. Seine Zunge schaute dabei aus dem Mundwinkel, und die Buchstaben wurden manchmal ein wenig schief, weil sich das Schiff mit den Wellen leicht bewegte. Er schrieb, dass es ihm gut ging und dass er schon vier verschiedene Knoten konnte. Er schrieb, dass die Kapitänin eine Feder am Hut hatte, die aussah wie ein Fragezeichen, und dass es hier draussen mehr Sterne gab, als er je gezählt hatte. Zuletzt schrieb er, wie es ihm ging.

Ich vermisse dich, stand dort, aber es ist schön hier. Ich pfeife jeden Abend so, wie du es mir gezeigt hast. Dein Bodo.

Er las den Brief noch einmal durch, rollte das Papier zusammen und schob es vorsichtig in die Flasche. Dann steckte er den Korken fest hinein. Die Flasche schimmerte grün im Laternenlicht, und das zusammengerollte Papier darin sah aus wie ein kleiner, gelber Schatz.

„Und jetzt?“, fragte er.

„Jetzt wirfst du sie“, sagte Marit. „Nicht zu fest. Das Meer mag es sanft.“

Bodo trat an die Reling. Der Wind war ganz schwach geworden, nur ein warmer Hauch, der nach Salz und Tang roch. Unten schlugen kleine Wellen gegen den Schiffsrumpf, und aus der Tiefe stieg ein leises Gluckern auf. Er hielt die Flasche mit beiden Händen, küsste kurz den Korken, ohne dass es jemand sah, und liess sie dann vorsichtig hinuntergleiten.

Sie fiel mit einem kleinen Platsch ins Wasser, tauchte kurz unter und kam wieder hoch. Dort schwamm sie, grün und glänzend, und drehte sich einmal langsam im Kreis. Bodo beugte sich über die Reling und schaute ihr nach.

Da bewegte sich im Wasser etwas Grosses, Glattes, das im Mondlicht silbern schimmerte. Ein Delfin tauchte auf, dann noch einer, und noch einer. Sie schwammen in einem langsamen Bogen um die Flasche herum, ganz sachte, als wollten sie sie nicht erschrecken. Einer von ihnen stupste sie mit der Schnauze an, und die Flasche schaukelte los, immer weiter hinaus, begleitet von den glänzenden Rücken, die sich im Takt der Wellen hoben und senkten.

„Sie bringen sie bestimmt hin“, flüsterte Bodo.

„Ganz sicher“, sagte die Kapitänin leise. Sie hatte die Hände auf die Reling gelegt und schaute genauso gebannt hinaus wie er.

Die Delfine schwammen weiter, bis sie nur noch kleine Punkte waren, und dann hörte man ein feines, helles Pfeifen über das Wasser, so ähnlich, wie Bodo es von seiner Oma gelernt hatte. Er pfiff zurück, zwei kurze Töne und einen langen, und er konnte nicht anders, als dabei zu lächeln.

Der Mond war jetzt aufgegangen, gross und gelb, und warf eine breite Strasse aus Licht über das Wasser. Auf dieser Strasse trieb die Flasche davon, ein winziger grüner Funke, der immer kleiner wurde. Irgendwann konnte man ihn nicht mehr von den Spiegelungen der Sterne unterscheiden.

Bodo gähnte. Es war ein richtig grosses Gähnen, bei dem ihm die Augen tränten, und plötzlich war das Ziehen im Bauch ganz leise geworden. Er spürte nur noch, wie müde seine Beine waren und wie sehr er sich nach seiner Hängematte sehnte.

„Ab ins Bett, Pirat“, sagte Marit sanft.

Der Smutje hatte ihm schon ein Stück Brot mit Honig bereitgelegt, das Bodo im Gehen aufass. Unter Deck schaukelte das Schiff so ruhig, dass die Lampen an der Decke kaum pendelten. Er kletterte in seine Hängematte, zog die wollene Decke bis ans Kinn und hörte dem Holz zu, das leise knarrte, wie ein altes Haus, das sich in der Nacht ein wenig zurechtrückt.

Marit kam noch einmal herein, stellte die kleine Laterne auf ein Fass und drehte die Flamme so klein, dass nur noch ein warmer Punkt blieb.

„Gute Nacht, Bodo“, sagte sie.

„Gute Nacht, Käpt'n“, murmelte er. „Glaubst du, sie bekommt ihn?“

„Das Meer vergisst nie einen Brief“, sagte die Kapitänin und strich ihm kurz über das Kopftuch. Dann ging sie hinaus und zog die Tür leise hinter sich zu.

Bodo schloss die Augen. Draussen trug das Wasser seine Flasche weiter, über Wellen, die so breit waren wie Wiesen, an Inseln vorbei, die nur aus Sand und einem einzigen Baum bestanden. Hoch oben standen die Sterne und schauten zu, und irgendwo, weit hinter dem Horizont, brannte in einem Haus mit blauer Tür noch ein Licht.

Als die Mannschaft längst schlief, begann das Meer, ganz leise etwas zurückzutragen. Gegen Ende der Nacht stiess eine kleine, dunkle Flasche sachte gegen den Rumpf des Sternenkahns, einmal, zweimal, wie jemand, der höflich anklopft. Die Kapitänin, die an Deck Wache hielt, fischte sie aus dem Wasser und hielt sie ins Mondlicht. Darin steckte ein zusammengerolltes Papier, und ein Hauch von Lakritz lag in der Luft.

Sie lächelte und stellte die Flasche neben Bodos Hängematte, genau dorthin, wo er sie morgen als Erstes sehen würde. Er schlief tief und fest, die eine Hand unter der Wange, und auf seinem Gesicht lag ein Lächeln, als hätte er die Antwort schon geträumt.

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